»Wir Pfleger sagen zu oft Ja und sind dadurch erpressbar«

Der Intensivpfleger Ricardo Lange hat über die Zustände in der Pflege einen Bestseller geschrieben. Ates Gürpinar, Sprecher für Pflegepolitik der Fraktion DIE LINKE, hat mit ihm über den Pflegenotstand gesprochen.

Oft denken Menschen, den Pflegekräften gehe es vor allem um bessere Bezahlung. Du betonst aber immer wieder, dass es vor allem um andere Arbeitsbedingungen geht.

Klar, Geld ist immer wichtig, aber die wertvollste Währung sind unsere Lebenszeit und Gesundheit. Was bringt mir das höchste Gehalt, wenn ich nach jeder Schicht völlig fertig zu Hause auf der Couch ins Koma falle und ich immer wieder meine Familie im Stich lassen muss, um ein System am Laufen zu halten, das die Pflegekräfte ausbrennt und für Patientinnen und Patienten gefährlich ist. Wir brauchen endlich mehr Personal.

Gibt es neben der Personalausstattung andere Punkte, die sich ändern müssen?

Soziale Berufe müssen endlich mehr Anerkennung in der Gesellschaft haben. Wie kann es sein, dass ein Soldat mit 55 in Pension gehen kann, aber jemand, der jeden Tag schuftet ohne Ende und die Schwächsten der Schwachen pflegt, erst mit 67 Jahren? Da stimmt was nicht. Soziale Berufe müssen mehr Vorteile und Sicherheiten bieten, damit sich mehr junge Leute sagen: »Geiler Beruf, da will ich arbeiten«. Solange aber Profit Vorrang vor Menschen hat, wird sich an den Zuständen im Gesundheitssystem nichts ändern. Wir sind seit zwei Jahren in der Pandemie, aber selbst jetzt hat sich im Gesundheitswesen nichts getan.

An der Berliner Charité und anderen Krankenhäusern gab es Streiks für bessere Arbeitsbedingungen. Spürst Du eine Veränderung in den Belegschaften?

Wir sind eine Berufsgruppe, die immer – und das absolut zu Recht – rumjammert, die aber gleichzeitig immer wieder Ja sagt, immer einspringt, den Urlaub verschiebt oder abbricht, um Personallücken zu füllen. Wir müssen endlich an den Punkt kommen, der Gesellschaft und Politik zu sagen: »Wir sind Fachkräfte. Wir wissen, was wir wert sind, und wir stellen auch Bedingungen.« Solange wir das nicht schaffen, solange wir nicht schaffen Nein zu sagen, werden wir für Politik und Kliniken immer erpressbar bleiben und nichts wird sich ändern.

Pflege ist für viele eine Armutsfalle

Eine Solidarische Pflegevollversicherung
könnte das verhindern

2.179 Euro – so viel zahlt man im Durchschnitt dazu, wenn man in einem Pflegeheim lebt. Die Kosten für Unterkunft und Verpflegung machen dabei mit 801 Euro nur einen relativ kleinen Anteil aus. Der gewaltige Rest sind sogenannte Einrichtungseinheitliche Eigenanteile und Investitionskosten, die man selbst tragen muss, obwohl man sein Leben lang in die Pflegeversicherung eingezahlt hat.

Pflege ist zur Armutsfalle geworden – und das nicht nur für Menschen, die auf Pflege angewiesen sind, sondern auch für diejenigen, die pflegen. In der Altenpflege verdient man im Schnitt noch mal 500 Euro weniger als in der Krankenpflege, wo die Löhne auch zu niedrig sind. Der Verantwortung und der Qualifikation der Pflegekräfte wird diese Entlohnung bei weitem nicht gerecht. »Wir brauchen endlich die Solidarische Pflegevollversicherung«, sagt Ates Gürpinar, Sprecher für Pflege- und Krankenhauspolitik der Fraktion DIE LINKE. »Wenn diejenigen, die viel Geld haben, sich endlich angemessen beteiligen und nicht mehr wie bisher durch Beitragsbemessungsgrenzen geschont werden, können alle pflegebedingten Kosten übernommen werden und die Löhne in der Pflege steigen.«

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