Schöne neue Arbeitswelt

In der Pandemie haben sich die Probleme der arbeitenden Menschen noch einmal verschärft, sie offenbaren allerdings einen tiefer liegenden Wandel der Arbeitswelt: Die Zeiten sind entgrenzter, die Beschäftigung prekärer.

In der Pandemie haben sich die Probleme der arbeitenden Menschen noch einmal verschärft, sie offenbaren allerdings einen tiefer liegenden Wandel der Arbeitswelt: Die Zeiten sind entgrenzter, die Beschäftigung prekärer.

Ein Beispiel ist der Einzelhandel. Stefanie Nutzenberger, die bei der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di für diesen Bereich zuständig ist, erzählt, wie Geschäfte von H&M oder Zara ganz schließen mussten, andere zumindest zeitweise dicht machten: »Dort waren die Kolleginnen und Kollegen über Monate in Kurzarbeit. Oftmals konnten keine Vereinbarungen zu einer Aufstockung des Kurzarbeitergeldes getroffen werden. Das heißt, die Beschäftigten mussten mit noch weniger Geld zurechtkommen als zuvor.«

Für die Linksfraktion setzt sich Susanne Ferschl für die Rechte der Beschäftigten ein. Sie ist Leiterin des Arbeitskreises Arbeit, Soziales, Gesundheit und Familie und stellvertretende Vorsitzende der Fraktion. Ferschl war selbst 22 Jahre Betriebsratsvorsitzende ehe sie 2017 für DIE LINKE in den Bundestag einzog. Mit ihrem gewerkschaftlichen Hintergrund ist sie eine Ausnahme im Parlament: »Nach dreißig Jahren im Betrieb hat man einfach eine andere Sichtweise«, sagt die ehemalige Chemielaborantin. Ihre Aufgabe sieht sie darin, die Forderungen von Beschäftigten ins Parlament zu tragen.

In der Großen Koalition war das wenigstens im Gespräch, im neuen Koalitionsvertrag ist davon nichts mehr zu finden

Zuletzt besuchte sie während der Tarifrunde im öffentlichen Dienst einen Streik der Pflegekräfte am Klinikum Augsburg und die Eisenbahnergewerkschaft in ihrem Regierungsbezirk Schwaben. An vielen Stellen beobachtet sie fehlende Strukturen von Betriebsräten, erzählt Ferschl. Das beobachte sie bei Auszubildenden in der Gastronomie genauso wie auch im Sozial- und Erziehungsbereich. Als ehemalige Betriebsratsvorsitzende weiß sie, dass nur diese Strukturen für eine stärkere Tarifbindung sorgen können.

Ein anderes Thema ist die Arbeitszeitregulierung, die in der Pandemie teilweise aufgeweicht wurde. Olaf Klenke von der Gewerkschaft Nahrung und Genuss (NGG) aus dem Landesbezirk Ost betont die unhaltbare Überlastung des Personals: »Die Beschäftigten arbeiten da teilweise rund um die Uhr; die pfeifen aus dem letzten Loch.« Für die kommende Legislatur nimmt sich Susanne Ferschl deshalb vor, die Arbeitszeiterfassung und das Recht auf Nichterreichbarkeit nach vorne zu stellen. Auch die Abschaffung der sachgrundlosen Befristung ist ihr ein zentrales Anliegen, da ohne Sachgrund weiterhin nicht gegen eine Kündigung geklagt werden kann. Dafür hatte sie sich schon als Betriebsrätin eingesetzt. Auch Olaf Klenke von der NGG befürchtet, dass die sachgrundlose Befristung wieder unter den Tisch fallen könnte: »In der Großen Koalition war das wenigstens im Gespräch, im neuen Koalitionsvertrag ist davon nichts mehr zu finden.«

Die überfällige Anhebung des Mindestlohns auf 12 Euro ist für Susanne Ferschl auch ein Erfolg der LINKEN. Zugleich werden laut Schätzungen weiterhin etwa 2,5 Millionen Beschäftigte um den Mindestlohn betrogen. Mit einem Antrag im laufenden Gesetzgebungsverfahren will sie Schlupflöcher insbesondere im Niedriglohnbereich und bei Minijobbern schließen und alle, die bisher vom Mindestlohn ausgenommen sind – Langzeitarbeitslose bis zum siebten Monat oder Beschäftigte in Behindertenwerkstätten – in das Gesetz integrieren.

Olaf Klenke von der NGG, Foto: Sebastian Schultz

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