Gesundheit darf keine Ware sein

Der Profitdruck im Gesundheitssystem lässt Pflegekräfte und Patienten leiden.

Ricardo Lange ist Intensivpfleger. Er macht seinen Job mit Herzblut, aber die Arbeitsbedingungen bezeichnet er als katastrophal. »Überall fehlt Personal auf den Stationen, der Ausnahmezustand ist unser Alltag. Wir Pflegekräfte machen uns völlig kaputt«, sagt Lange. Noch schlimmer als die Erschöpfung sei aber das Gefühl, den Bedürfnissen der Patientinnen und Patienten nicht gerecht zu werden oder sich bei Schichtbeginn fragen zu müssen: »Wie sollen wir mit so wenig Personal alle Patientinnen und Patienten lebend durch die Nacht bringen?«

So wie Ricardo Lange geht es vielen Pflegekräften. Sie lieben ihren Beruf, wollen alles für ihre Patientinnen und Patienten geben, aber verzweifeln an einem Gesundheitssystem, das sie und ihre Patientinnen und Patienten nur als Kostenfaktor sieht. Sie können ihren Beruf dadurch nicht so ausüben, wie sie ihn erlernt haben.

Ricardo Lange haben diese Zustände irgendwann krank gemacht, der Stress war zu viel. Sein Herz wollte nicht mehr so, wie es sollte. Aus dem Pfleger wurde ein Fall für die Notaufnahme. Diagnose: Herzrhythmusstörungen und Bluthochdruck. Er trat kürzer, wechselte in eine Leiharbeitsfirma für Pflegekräfte und packte seine Wut in ein Buch – eine Art »Notruf« über die Zustände in der Pflege.

Viele andere verlassen den Beruf, auch weil ihre Hilferufe von der Politik seit Jahren ignoriert werden. »Nicht mal während der Corona-Pandemie hat die Politik für mehr Personal gesorgt«, sagt Lange. Umfragen zeigen: Mittlerweile will jeder dritte Intensivpfleger seinen Job aufgeben.
Profitdruck und Privatisierungen haben das Gesundheitssystem in den letzten Jahren grundlegend verändert. Besonders fatal war die Einführung von Fallpauschalen. Für jede Diagnose und deren Behandlung gibt es Fixbeträge – weitgehend unabhängig von Komplikationen und tatsächlicher Verweildauer der Patientinnen und Patienten in den Kliniken.

Krankenhäuser können nur noch über die Runden kommen, wenn sie möglichst viele Fälle mit möglichst schweren Diagnosen in möglichst kurzer Zeit mit möglichst wenig Personal behandeln. Oder sie schreiben rote Zahlen, müssen schließen. Da der größte Teil der Kosten eines Krankenhauses Personalkosten sind, führen Fallpauschalen hier zum Kahlschlag. Das Personal leidet unter massiver Arbeitsverdichtung und die Betreuung der Patientinnen und Patienten hat sich verschlechtert. Kaum Zeit für Zuwendung und mangelnde Hygiene sind dabei nicht die einzigen Probleme. Studien belegen: Unterbesetzte Stationen steigern die Gefahr schwerer Komplikationen und haben mehr Todesfälle zur Folge. »Eine Politik, die den Personalmangel seit Jahren ignoriert, macht sich mitschuldig, wenn Patientinnen und Patienten in lebensgefährliche Situationen kommen«, sagt Intensivpfleger Lange.

Der Profitdruck hat das Gesundheitswesen insgesamt verändert. Hunderte Krankenhäuser mussten in den vergangenen Jahren schließen oder wurden privatisiert. Klinikkonzernen und institutionellen Investoren bot sich die perfekte Gelegenheit, um aus der Gesundheitsversorgung ein börsennotiertes Milliardengeschäft zu machen: Sie kauften klamme Krankenhäuser und trimmten sie auf Profit. Das Rezept ist immer dasselbe: Beim Personal kürzen, unrentable Stationen schließen, zum Beispiel oft die Geburtshilfe oder Kinderheilkunde, auch wenn sie in der Region gebraucht werden.

Für die gesundheitspolitische Sprecherin der LINKEN im Bundestag, Kathrin Vogler, steht fest: »Wir müssen endlich diese Profitlogik aus dem Gesundheitssystem bekommen. Krankenhäuser sollen für die Patientinnen und Patienten da sein, nicht für die Gewinne privater Konzerne. Dafür müssen wir die Fallpauschalen abschaffen und durch ein System ersetzen, das die tatsächlich anfallenden Kosten trägt. Krankenhäuser in den wirtschaftlichen Wettbewerb zu zwingen, war ein großer politischer Fehler, der dringend korrigiert werden muss.«

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