Der Kämpfer

Ali Al-Dailami sitzt neu im Bundestag. Durch seine Biographie weiß er, was Flucht, Leiharbeit und ein Leben mit Hartz IV bedeuten.

Ali Al-Dailami eilt blitzschnell um eine Ecke. Noch verläuft er sich im Bundestag, dessen Gänge in jedem Stockwerk genau gleich aussehen. Er ist einer der neuen Abgeordneten der Fraktion DIE LINKE und über die hessische Landesliste in den Bundestag gewählt worden. Der Weg dorthin war lang. »Ja, ich bin vermutlich einfach zäh wie Kautschuk«, sagt der Politiker aus Gießen. Es sei nie sein Ziel gewesen, Parlamentarier zu werden, aber aufgrund seiner eigenen Lebensgeschichte wisse er genau, wofür er kämpfen wolle.

»Ich merke, dass ich immer wieder unterschätzt werde, weil ich nicht studiert habe, aber ich weiß mittlerweile, dass ich mich deswegen nicht verstecken muss«

Als Zehnjähriger flieht Al-Dailami mit seiner Familie aus dem Jemen nach Deutschland. Als seine Mutter stirbt, ist er gerade einmal zwölf Jahre alt und haut von Zuhause ab. Er lebt in verschiedenen Kinderheimen, bis er mit Siebzehn seine erste eigene Wohnung in Gießen bekommt. Er holt die mittlere Reife in der Abendschule nach. Danach folgen Hartz IV, Leiharbeit und schließlich eine Ausbildung zum Restaurantfachmann.

»Jetzt als Abgeordneter fühle ich mich sehr privilegiert«, sagt er. Den Fahrdienst des Bundestages möchte er nicht benutzen. Viele in seinem Umfeld leben nach wie vor prekär, sind migrantisch und grundsätzlich skeptisch gegen »die da oben«. »Da will ich gar nicht erst anfangen mit den Privilegien«, erklärt er. Die Zeit in Hartz IV war dabei das Schlüsselerlebnis, das ihn dazu bewegte, sich politisch in der LINKEN zu engagieren. Seit vierzehn Jahren ist er mittlerweile im Parteivorstand und seit 2018 stellvertretender Parteivorsitzender.

Im Bundestag hätte er sich auch für Sozialpolitik einsetzen können, wegen seiner Biographie ist ihm aber auch die Außenpolitik sehr wichtig. Er arbeitet im Verteidigungsausschuss und leitet in der Fraktion den Arbeitskreis Internationale Politik. Er kritisiert, wie sich Deutschland militärisch in der Welt verhält und wie militärische Einsätze unter dem Vorwand entwicklungs­politischer und humanitärer Ziele gerechtfertigt werden. Für ihn ist DIE LINKE eine konsequente Friedenspartei, die die Interessen des Kriegs entlarvt.

Er ist neu im Bundestag und hat zwar Respekt vor der Aufgabe, aber keinen falschen. »Ich merke, dass ich immer wieder unterschätzt werde, weil ich nicht studiert habe, aber ich weiß mittlerweile, dass ich mich deswegen nicht verstecken muss«, erzählt Al-Dailami. Schließlich sage der formale Bildungsstatus wenig darüber aus, wie gut ein Politiker wirklich in seinem Job sei. Eine unnötige Ehrfurcht vor Titeln und Ämtern halte viel zu viele Menschen wie ihn davon ab, überhaupt in die Politik zu gehen.

Die Skepsis gegenüber Autoritäten ist tief in seine Geschichte eingeschrieben; er widersetzte sich seinem Vater, dem Religionsunterricht und den Regeln im Kinderheim. Al-Dailami überzeugen nur rationale Argumente und er ist bereit, sich zu widersetzen. Schon im Kinderheim zettelte er einen Streik an, weil es tagelang das gleiche Essen gab. Seine Freunde aus dem Heim waren es auch, die ihm sagten, er solle in die Politik gehen. »Ich glaube, ich habe die mit meiner ganzen politischen Agitation schon genervt«, sagt er und lächelt. »Jetzt nerve ich die Regierung«.

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