»Den Osten wieder zum Markenkern machen«

Sören Pellmann hat durch sein Direktmandat in Leipzig mit dafür gesorgt, dass DIE LINKE im Bundestag vertreten bleibt. Im Interview erzählt er, wie er im Wahlkampf Menschen erreicht hat und die Interessen des Ostens im Parlament vertritt.

Sie waren mit zwei anderen Abgeordneten das Zünglein an der Waage für den Wiedereinzug der LINKEN in den Bundestag. Haben Sie jetzt das Gefühl, eine besondere Verantwortung zu haben?

Natürlich werde ich jetzt immer mit dem Wahlausgang in Verbindung gebracht. Ich sehe mich trotzdem nicht in einer herausgehobenen Rolle in dieser Fraktion. Ich will einfach weiter wirken: mit dem Ziel, dass der Wiedereinzug nicht wieder von einem Direktmandat wie meinem abhängig ist.

Manche sagten, Sie hätten es leicht in einer Stadt mit vielen Studierenden.

Der Wahlkreis ist ja nicht nur Connewitz, der maßgeblich von Studierenden geprägt ist. Allein die Plattenbausiedlung, also Leipzig-Grünau, stellt etwa 12 Prozent der Wählerinnen und Wähler. Zudem gibt es an den Stadträndern noch ländliche Strukturen, die Anfang der 90er Jahre eingemeindet worden sind. Man gewinnt diesen Wahlkreis nur, wenn man in allen 31 Ortsteilen einigermaßen gut abschneidet.

Wie erreicht man so unterschiedliche Milieus?

In dieser Hinsicht kommt mir sicher zugute, dass ich mittlerweile im vierzehnten Jahr Stadtrat bin und vorher schon zwölf Jahre Stadtbezirksbeirat war. Ich bin hier auch geboren, aufgewachsen, das volle Programm. Dadurch bin ich immer sehr nah dran an den Problemen der Menschen.

Aber man muss die verschiedenen Milieus auch unterschiedlich ansprechen. Ich habe die letzten Jahre genutzt, um die ganze bundespolitische Prominenz der Partei in meinen Wahlkreis zu holen und auch unterschiedliche Milieus damit anzusprechen. Ich hatte Gregor Gysi da und Sahra Wagenknecht und auch Katja Kipping und Caren Lay.

Es lohnt sich also, um die Direktmandate zu kämpfen.

Definitiv. Ich war nach der Wahl bundesweit in ganz vielen Kreisverbänden unterwegs, in Ost und West. Man kann Wahlkreise natürlich nicht kopieren und vermutlich ist die Wahrscheinlichkeit zu gewinnen im Osten und in den Städten etwas größer. Was ich jeder und jedem nur raten kann, ist die Kommunal- und Bundespolitik miteinander zu verknüpfen. Damit macht man sich in der Stadt einen Namen und bekommt auch andere Zugänge.

Wie gelingt Ihnen diese Verknüpfung?

Im Stadtrat kümmere ich mich darum, dass Kita-Plätze für junge Familien zur Verfügung gestellt werden, dass eine Schule saniert wird, dass eine Ampelanlage für einen sicheren Schulweg entsteht, dass die Sanierung vorangeht, dass Senioren-Begegnungsstätten ihre Förderung kriegen – also dieses Kleinteilige, wo Leute dann sagen: »Den kennen wir, der kümmert sich, der Pellmann labert nicht nur im Bundestag, sondern der erreicht für uns vor Ort etwas«.

Sie sind in dieser Legislatur Ostbeauftragter in der Fraktion. Was bedeutet das?

Zunächst hat man die Beobachtung gemacht: DIE LINKE kann im Osten Wahlen verlieren, aber auch gewinnen. Mein Anspruch ist es, die entscheidenden Punkte wieder im Osten zu holen. Ich bin ja in die Partei eingetreten, als sie noch die PDS und eine klassische Ost-Partei war mit namhaften Politikern wie Gregor Gysi oder Lothar Bisky, zu denen ich als Jugendlicher immer aufgeschaut habe.

Was bedeutet diese Ost-Erfahrung heute?

Ich wurde zu DDR-Zeiten sozialisiert und meine beiden Eltern sind nach der Wende arbeitslos gewesen. Ich habe erlebt, was dieser Umbruch bedeutet. Und es ist immer noch besonders, im Osten groß zu werden und auch zu merken, dass dreißig Jahre nach der Wende beispielsweise Auszubildende im Osten schlechter verdienen als im Westen. Das hätte ich damals nicht für möglich gehalten.

DIE LINKE ist gut beraten, die ostdeutsche Herkunft, die auch für viele Jüngere nach wie vor identitätsstiftend ist, nutzbar zu machen, ansprechbar zu sein und sich wieder deutlicher für genau die Interessen im Osten einzusetzen. Sie sollte das Thema wieder zu einem Markenkern der LINKEN machen.

Um welche Themen geht es da genau?

Wir planen gerade Touren durch den Osten mit zwei Schwerpunkten: Das eine ist natürlich die Friedensfrage und das zweite ist die wirtschaftliche Ungleichheit, die im Osten viel stärker ausgeprägt ist; das sehen wir an den Energiepreisen und den strukturell niedrigeren Löhnen. Unsere Forderungen lauten: Runter mit den Energiepreisen und wirksame Hilfen für kleine Einkommen! Wir wollen die Angleichung der Löhne zwischen Ost und West bis 2025 und eine Rentenreform. Jeder Zweite im Osten mit vierzig Versicherungsjahren erhält nicht mal 1.200 Euro Rente. Das ist ein Skandal! In der neuen Bundesregierung – laut Tagesschau eine »westdeutschen Bundesregierung« – sind außerdem noch weniger Ostdeutsche als in der vorigen, da hatten wir wenigstens eine ostdeutsche Kanzlerin. Da muss man sich insgesamt schon die Frage stellen, ob der Osten da erneut abgehängt wird – und das müssen wir unbedingt verhindern.

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