Was geht, wenn nichts mehr geht?

Die neue Bühne in Senftenberg erfand ein Autotheater. clara sprach mit dem Intendanten Manuel Soubeyrand über das Lockdown-Theater.

Es war eine Art gemeinsame Spinnstunde von Intendant Manuel Soubeyrand und Schauspieler Eric Brünner an einem Sommernachmittag im Garten. Schon seit Mitte März gab es an der neuen Bühne Senftenberg keine Vorstellungen mehr. Genauso wenig wie anderswo. Das war deprimierend fürs Ensemble und für die Theatergänger. Den Entzug und die Sehnsucht spürten beide Seiten. Was aber ginge auf Abstand? Zum Beispiel »Wohin ich meinen Hut häng«. Ein bisschen Musiktheater. Eric Brünner schlüpfte dafür in die Rolle des Altrockers Udo Lindenberg, sang dessen Songs, die leisen und die lauten, erzählte Geschichten und Legenden dazu. Seine Bühne: ein offener Container. Das Publikum gut auf Abstand und im eigenen Auto sitzend.

Olaf Krostiz

Kulissen vor dem leeren Saal der »neuen Bühne«

»Megacool« sei das gewesen, erzählt der Hauptdarsteller. Und Intendant Soubeyrand, der zugibt, anfänglich skeptisch gewesen zu sein, war begeistert vom »tollen Sound«. Trotzdem: Wie funktioniert der Draht zum Publikum? Bekommt man oben auf der Bühne überhaupt Reaktionen mit? Wo doch die Zuschauer maximal zu zweit im Auto die Vorstellung erleben? »Es hat wirklich funktioniert«, sagt Brünner. »Hupen, blinken mit den Scheinwerfern, Handys und Taschenlampen leuchteten.« Eine schöne Erfahrung. Vielleicht sogar eine für später. Denn wer weiß schon, wann eine Theatersaison wieder in gewohnt verlässlichen Bahnen stattfinden kann.

Aber auch auf anderen Kanälen hatte sich das Ensemble der neuen Bühne öffentlich gezeigt. Es gab digitale Premieren, man konnte Schauspielerinnen und Schauspielern beim Proben zuschauen. Das war so eine Art »Theaterfilm«, von dem Manuel Soubeyrand sagt, »schön und gut, auch wichtig in dieser komischen Zeit«. Aber das Theater lebe vom »lebendigen Dialog«. Es braucht die Spannung zwischen Bühne und Besuchern. Die digitale Welt sei kein Ersatz für das unmittelbare Spielen.

Im August gab es dann wieder die ersten zaghaften Auftritte. Draußen im kleinen Hoftheater und unter Beachtung der AHA-Regeln. Dazu eine weitere Autotheateraufführung. Im September durften die ersten Premieren drinnen stattfinden. Allerdings auch komplett anders. Konnten zuvor im großen Theatersaal 300 Leute auf den rotsamtenen Stühlen Platz nehmen, waren es jetzt nur noch 70 in ausgedünnten Sitzreihen.

Das sei »wenig prickelnd« für die Darsteller, konstatiert Manuel Soubeyrand. Auch könne längst nicht mehr jedes Stück inszeniert werden. Denn auf der Bühne heißt es ebenso auf Abstand spielen. Mehr als drei Darsteller gleichzeitig sollten nach Möglichkeit nicht im Rampenlicht stehen. Da werden Theaterstücke zu »Skeletten«. Trotzdem, die Spiellust, auch die »gefühlte Pflicht, als subventioniertes Stadttheater für die Leute da zu sein«, war und ist ungebremst. Besonders jetzt, in einer Zeit, in der die Leute Abwechslung brauchen, auch Anregung. Theater will sich einmischen, sagt Soubeyrand, vor allem in gesellschaftlich schwierigen Zeiten. Für ein paar Wochen hat das auch wieder geklappt. Ende Oktober fiel der Vorhang erneut. Ohne Kultur aber ist es still in Senftenberg und anderswo.

Gisela Zimmer

Manuel Soubeyrand, Intendant

Erik Brünner, Schauspieler

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