Ursprachen der Verständigung

Anfang November folgten wir einem Tipp von Petra Pau, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags, und besuchten den Verein Spielplatzinitiative in Berlin-Marzahn, der mitten in ihrem Wahlkreis liegt und sehr von ihr unterstützt wird.

Unsere erste Station war der Kinderbauernhof im Spielewald Eiche zwischen den Ahrensfelder Bergen – den dritthöchsten Berlins – und den Gärten der Welt. Empfangen wurden wir von der Leiterin des Bauernhofs, Anna Freda, und von Matthias Bielor, dem Vorsitzenden des Spielplatzinitiative e. V. Marzahn. Der Spielewald ist der größte Platz des Vereins. 24 Pferde – 16 eigene und 6 in Pension – werden hier versorgt, dazu Schafe, Esel, Hühner, Hunde und Katzen. Die meisten der Tiere kamen aus schlechter Haltung, einige wurden buchstäblich in letzter Sekunde gerettet. Drei Schafe zum Beispiel, die eigentlich geschlachtet werden sollten. Nun leben sie friedlich auf dem Bauernhof.

Im Jahr 1989, erzählt Matthias Bielor, entdeckte eine Marzahner Bürgerinitiative den Hof einer verlassenen Baufirma, den sie besetzte, um ihn zu einem Abenteuerspielplatz für Kinder umzugestalten. 1990 gründete sich die Bürgerinitiative dann als Verein Spielplatzinitiative Marzahn. Im selben Jahr hat das Bezirksamt den ehemaligen Bauhof gekauft und stellt ihn bis heute dem Verein kostenlos zur Verfügung. Das Gleiche wiederholte sich mit einem weiteren Gelände, das erst besetzt und dann vom Grünflächenamt erworben wurde. Hier entstand der Spielplatz Marzahn Nord.

Baumhäuser im Spielewald Eiche

Um die Jahrtausendwende haben die Gründungseltern des Vereins Spielplatzinitiative ihre Ersparnisse zusammengelegt und die günstige Gelegenheit genutzt, direkt an der Grenze zwischen Berlin und Brandenburg ein weitläufiges Areal zu kaufen.

Ein Teil davon liegt seit zehn Jahren in den Händen von Anna Freda. Begonnen hat sie mit einem Indianercamp. »Am Anfang waren wir hier die Verrückten, die Außerirdischen«, sagt Anna, »heute erfahren wir sehr viel Zuwendung. Nachbarschaft ist unglaublich wichtig.« Die Bauern aus der Gemeinde Ahrensfelde helfen, wo sie können. Anna hat in einem Berliner Tee- und Kräuterladen Einzelhandelskauffrau gelernt. Als sie Mutter wurde, begann sie, über Alternativen im Leben nachzudenken. Sie wollte nicht nur ihren, sondern möglichst vielen Kindern die Natur, den Umgang mit Tieren und Pflanzen nahebringen. Diesen Traum konnte sie sich erfüllen, als sie die Spielplatzinitiative kennenlernte, die ihr als Trägerverein die Fläche für den Bauernhof zur Verfügung stellte.

Der Hof leidet sehr unter der Corona-Pandemie. Gerade musste er zum zweiten Mal schließen. Der Reitunterricht fällt weg, das Ponyreiten, die Fahrt mit dem Kremser. Und auch Veranstaltungen wie Wochenmärkte oder Mittelalterfeste, die Anna mit ihrer Firma Red Feather Events angeboten hat, können erst einmal nicht mehr stattfinden. Jetzt verkauft Anna Gutscheine, die eingelöst werden können, wenn nicht mehr die strengen Auflagen gelten.

Die Einnahmen sind weitgehend weg, die Arbeit auf dem Hof bleibt, und die Tiere müssen versorgt werden. Anna, die im Fernstudium Soziale Arbeit studiert, sortiert zurzeit halbtags Waren in einem Supermarkt ein, um Geld für ihre Familie zu verdienen. Aber sie hat große Solidarität erfahren und viele Spenden erhalten. Nicht nur finanzielle. Ein Futterlieferant schenkte dem Hof sechs Tonnen Heu, viele Menschen hängen Äpfel, Möhren, Gemüseabfälle oder Hundefutter an den Zaun. Trotzdem sind die Mittel knapp, der Hof ist dringend auf weitere Spenden angewiesen, um die Tiere täglich füttern zu können.

Matthias Bielor ist im Hauptberuf Reiseveranstalter, auch er hat unter der Pandemie zu leiden. Aber das ändert nichts an seinem Enthusiasmus. Ihm und seinen Mitstreitern ist wichtig, den Kindern und Jugendlichen, die täglich zu ihnen kommen – die meisten aus dem angrenzenden Bezirk Marzahn-Hellersdorf – Selbstbewusstsein zu vermitteln, jedem Einzelnen zu zeigen: Du kannst etwas, und du packst das auch. Und es geht um Eigenverantwortung: Wenn du etwas haben willst, musst du auch etwas schaffen. Matthias Bielor sagt: »Der Verein bietet die Hardware, die Software muss von den Kindern kommen.«

In Marzahn-Hellersdorf leben viele Kinder in problematischen Verhältnissen. Die Kinderarmut ist hoch. Viele Geflüchtete haben hier eine neue Heimat gefunden. Der Verein heißt sie herzlich willkommen und begrüßt sie grundsätzlich als Neu-Marzahner.

Inzwischen sind wir auf dem Spielplatz in Marzahn West angekommen. Hier bietet die Spielplatzinitiative den jungen Besucherinnen und Besuchern zahlreiche Möglichkeiten für Spiel, Sport und Spaß: einen Kräutergarten, kostenlosen Reitunterricht, selbst gebaute Holzhütten und vieles mehr. Matthias Bielor ist stolz darauf, den Kindern vorzuleben, wie Ressourcen genutzt werden können. Fast nichts wird neu gekauft. Alles entsteht in gemeinsamer Arbeit mit gespendetem oder Naturmaterial. Im nächsten Sommer wollen sie hier einen Wasserspielplatz bauen, dafür haben sie gerade eine ausgesonderte Wasserrutsche bekommen.

Zur Seite stehen Matthias Bielor ehrenamtliche Helferinnen und Helfer, wie »Puschkin«, ein Russe, der vor 20 Jahren mit seiner deutschen Frau aus Kasachstan hierherkam und für den es nichts gibt, woraus sich nicht Schönes und Sinnvolles bauen ließe. Der Vereinsvorsitzende zeigt uns die im Juli 2020 eingeweihte Holzvilla Akiri. Sie – finanziert durch das Städtebauförderungsprogramm »Sozialer Zusammenhalt« – ist ein Ort zum Spielen und Lernen mit Küche, Veranstaltungsraum und grünem Klassenzimmer.

Und dann stellt uns Matthias Bielor noch einen jungen Mann aus Bagdad vor, der in seiner Heimatstadt einer Tanzgruppe angehörte. Die gesamte Gruppe ist vom »Islamischen Staat« erschossen worden, nur er hat schwer verletzt überlebt, weil man ihn für tot hielt. Jetzt lebt er in einem Flüchtlingsheim in Marzahn. Er ist nur geduldet und darf deshalb nicht arbeiten. Weil er keine Arbeit hat, wird er als Flüchtling nicht anerkannt. Während wir kopfschüttelnd über diesen Widersinn diskutieren, baut sich neben uns eine Trommelgruppe auf und fängt an zu spielen. Darunter der junge Iraker. »Essen, Trinken und Tanzen sind Ursprachen«, sagt Anna, »mehr brauchst du nicht für eine gute Verständigung.«

Tatjana Behrend

Spendenkonto der Spielplatzinitiative:
Bank für Sozialwirtschaft
IBAN DE55 1002 0500 0003 3931 00

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Schönere Freizeit für Kinder

Solidarisch handeln

Die »Spielplatzinitiative« lebt vom beispielhaften Engagement vieler Marzahnerinnen und Marzahner. Ich bin gern bei ihnen und dankbar. Es geht um Kultur, Freizeit und Miteinander. Soziale Nöte waren bei vielen bereits vor Corona groß. Nun sind sie noch einschneidender, sie gehen auch hier an die Substanz. Umso mehr ist es höchste Zeit, dass der Staat substanziell handelt. Die zusätzlichen Kosten angesichts der Corona-Pandemie werden auf 1 Billion Euro und mehr geschätzt, eine kaum vorstellbare Summe. Wann, wenn nicht jetzt, frage ich, sollte endlich eine Vermögensabgabe für Multimillionäre und Milliardäre eingeführt werden. Zudem sind die wachsenden sozialen Belastungen für allzu viele ein drängender Grund, ein bedingungsloses Grundeinkommen für jede und jeden in Höhe von 1.250 Euro einzuführen. Ein Land, in dem die Reichen immer reicher und die Armen immer zahlreicher werden, liegt mit dem Grundgesetz über Kreuz. Viele Bürgerinnen und Bürger haben die Zeichen der Zeit verstanden und handeln solidarisch. Von der Bundesregierung kann man das nicht sagen. Das ist peinlich und unsozial.

Petra Pau ist Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags und Abgeordnete aus Marzahn-Hellersdorf.

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