Ein Leitprinzip mit Hochkonjunktur: Miteinander – Füreinander

Gerade in Zeiten des Social Distancing müssen wir solidarisch handeln, im Kleinen wie im Großen, fordert die Präsidentin der Volkssolidarität.

Die Volkssolidarität feiert dieses Jahr ihr 75. Gründungsjubiläum. Damit schaut der Wohlfahrtsverband auf drei Generationen zurück. Seit er im Herbst 1945 als Aktionsbündnis gegen die Nachkriegsnot der Menschen in Dresden gegründet wurde, hat er sich als wesentlicher Sozial- und Wohlfahrtsverband über wechselvolle und ereignisreiche Jahre hin etabliert.

Dabei ist die Volkssolidarität mit den vielen Ehrenamtlichen nicht nur in der Entstehungsgeschichte außergewöhnlich, sondern bis heute auch in ihrer Wirkungsweise. Neben den vielen Einrichtungen, die die Volkssolidarität betreut – von Kindergärten über Schulen, von betreutem Wohnen bis zu Senioren- und Pflegeeinrichtungen –, wird der Verband von den vielen Mitgliedern getragen, die sich in lokalen, interessenspezifischen Gruppen oder Selbsthilfestrukturen engagieren. Zugleich hat das Leitprinzip der Volkssolidarität »Miteinander – Füreinander – Solidarität leben« an Aktualität nichts eingebüßt.

Wer der Meinung ist, dass dies angestaubte Werte eines Verbands aus vergangenen DDR-Zeiten sind, der irrt nicht nur, sondern verkennt die Tatsache, dass die Volkssolidarität eine moderne Dienstleisterin für soziale Dienste und Einrichtungen ist und wir darüber hinaus gerade jetzt unter der Corona-Pandemie zugespitzt sehen und spüren, wie notwendig deren Grundwerte sind.

Die Auswirkungen des ersten Lockdowns und aktuell auch des zweiten, das zur Routine gewordene Social Distancing haben eine langfristige Tragweite, die wir bislang nur teilweise erfassen. Die eingenommene Distanz hat selbstverständlich eine nachvollziehbare Schutzfunktion, die hier nicht in Frage gestellt werden soll – sie darf nur nicht in eine Solidaritätsdistanz münden. Die offen klaffenden Gräben zwischen den unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen, egal ob sie das Einkommen, Vermögen, gesellschaftliche Beteiligungsmöglichkeiten, Chancen auf Bildung oder auch Interessendurchsetzung betreffen, brauchen eher die spürbare Hand solidarischen Handelns über die Gräben hinweg, orientiert an den Bedürfnissen der Menschen, als weitere marktradikale Optimierungskonzepte. Der Rückzug aus der Verantwortung füreinander hätte noch weit fatalere Auswirkungen für Menschen, die besonderer Hilfe und Aufmerksamkeit bedürfen, als wir jetzt schon absehen können.

Gerade in Corona-Zeiten sollten wir die Kontakte nicht abbrechen lassen und aufeinander zugehen. Ob das beim Einkauf mal ein nettes Gespräch mit älteren Menschen ist, die das Passende im Regal suchen, eine Nachmittagsverabredung mit einem Kindergartenfreund, einem Schulfreund oder auch die Entscheidung, den Angehörigen aus der Pflegeeinrichtung kurzfristig selbst zu versorgen, wenn dort die Belastungsgrenze überschritten ist. Im Kleinen betrifft das jede und jeden Einzelnen, im Großen die Rahmenbedingungen, damit Ungerechtigkeiten nicht noch weiter verstärkt werden. Die Zeit ist überreif für die Einführung der einkommensunabhängigen Kindergrundsicherung, die Anerkennung von Sorge- beziehungsweise Pflegearbeit, die Abschaffung von widersinnigen Sanktionsmechanismen im Hartz-IV-System.

Im Zuge der Bewältigung der wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie zielt die Aufforderung zu mehr Solidarität auch auf den »großen politischen Maßstab«, nämlich die Umverteilung auf der Einnahmenseite, die Verteilung der Abgaben- beziehungsweise Steuerlasten und damit auf gesellschaftliche Gerechtigkeit nicht zuletzt für die nachfolgenden Generationen.

Susanna Karawanskij ist seit dem 16. Oktober 2020 Präsidentin des Bundesverbands der Volkssolidarität

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