Geschützte Plätze, auch tagsüber

Cornelia Möhring besuchte Projekte für obdachlose Frauen. Die Schließung öffentlicher Räume während des Lockdowns macht deren Situation noch schwieriger.

Marlies ist Anfang 60 und hat als Altenpflegerin gearbeitet, bis ihr Rücken nicht mehr mitmachte. Langzeitkrank wurde das Geld knapp, ihr wurde die Wohnung gekündigt – für das Jobcenter lag die Miete ein paar Euro über dem genehmigten Satz. Die ersten Monate ohne Wohnung kam sie bei ihrer Tochter unter. Dann war das Verhältnis zu belastet und Marlies ging. Tagsüber sitzt sie jetzt zum Beispiel in öffentlichen Bibliotheken, und manchmal gönnt sie sich einen Tee im Café. Abends kommt sie in einer Unterkunft für obdachlose Frauen unter.

Auch Brigitte hat immer gearbeitet. Zuletzt in einem Betrieb, der auch einen Ausbildungsplatz für ihren 15-jährigen Sohn hatte und beiden eine Werkswohnung vermietete. Bis der Konkurs des kleinen Unternehmens Brigitte und Markus den Job und auch die Wohnung kostete. In einer Großstadt bezahlbaren Wohnraum zu finden, erwies sich wie für so viele andere als unmöglich. Für ein paar Monate fanden Mutter und Sohn Unterschlupf in zwei kleinen Holzhütten, die von der Stadt bereitgestellt wurden.

Katharina ist erst Anfang 20 und lebt seit zwei Jahren auf der Straße. Psychische und gesundheitliche Probleme wurden für sie zum Teufelskreis, und nun wird es immer schwieriger, in ein anderes Leben zurückzufinden.

Die 70 Jahre alte Inge konnte nach dem Tod ihres Ehemanns die Wohnung nicht mehr finanzieren und wurde zwangsgeräumt. Kinder oder andere Verwandte hat sie nicht. Tagsüber schließt sie ihre Habseligkeiten im Bahnhofsschließfach ein.

Soziale Kontakte und Schutz vor Gewalt

Die Namen sind geändert, sie stehen gleichzeitig exemplarisch für andere Frauen. Die Sozialarbeiterin Andrea Hniopek von der Caritas in Hamburg kennt viele solche Schicksale. Ihr »Containerprojekt« im Hamburger Stadtteil St. Georg, das sie vor einigen Jahren initiierte, bietet aktuell zehn obdachlosen Frauen Unterstützung. Sie können dort einen kleinen Container bewohnen – jede für sich – mit einem extra Küchencontainer und einem Sanitärcontainer für alle. Der Putzdienst wird geteilt. Die Bewohnerinnen erhalten unterstützende Beratung, zum Beispiel beim Beantragen von Leistungen. Die eigenen vier Wände sind zwar sehr klein, aber so kostbar wie die Pflege sozialer Kontakte und der Schutz vor der Gewalt auf der Straße.

Auch bei Kemenate in Hamburg-Eimsbüttel können Frauen duschen, Wäsche waschen, sich ausruhen, gemeinsam kochen, im Internet surfen. Sie haben hier einen Spind und eine Postadresse. Die Fußpflegerin und Frisörin kommen einmal monatlich, zwei Ärztinnen wechseln sich wöchentlich ab. Die Einrichtung hat auch am Wochenende geöffnet. In einem gemütlichen großen Zimmer stehen vier Sofas, ein Fernseher. Tageszeitungen liegen aus, und es gibt Bücher zum Lesen. In einer Kleiderkammer können sich Frauen mit frischen Sachen versorgen. Übernachtungsmöglichkeiten gibt es keine.

Bei einem Besuch in der Einrichtung unterhalten wir uns über die Folgen der versteckten Wohnungslosigkeit von Frauen. Die meisten wahren lange den Schein, wollen nicht auffallen. Ihr Leben auf der Straße oder in Notunterkünften ist ihnen oft nicht anzusehen. Man kann die Betroffenen zudem nicht über einen Kamm scheren – sie haben verschiedene Lebenslagen. Und so sind auch die Ursachen von Wohnungslosigkeit sehr unterschiedlich. Einige von ihnen sagen: Ich hätte niemals gedacht, dass ich einmal in so eine Situation kommen würde!

Rettungsanker: Räume und professionelle Unterstützung

Dennoch wird den Frauen bis heute eingeredet, und das werfen sie sich auch selbst vor, sie seien dafür selbst verantwortlich. Dabei haben viele Gewalterfahrung, schon seit der Kindheit. Manche leben zwangsweise in Partnerschaften, um nicht in die Obdachlosigkeit zu fallen.

Beim Jobcenter und in anderen Ämtern machen die Betroffenen vor allem demütigende Erfahrungen. Kein Wunder also, wenn sie mit einem eh schon geschwächten Selbstbewusstsein lieber auf der Straße bleiben, als sich an das staatliche Hilfesystem zu wenden. Um das zu vermeiden, organisieren auch Frauentreffpunkte wie Sophie in Berlin-Mitte oder Quartier67 in Nordrhein-Westfalen die Begleitung durch Sozialarbeiterinnen zu Ämtern und Ärzten. In Deutschland gibt es solche Angebote allerdings meist nur in Großstädten und in Ballungsgebieten. Leider nicht ausreichend. Dabei können ein geschützter Raum und professionelle Unterstützung für die Frauen der Rettungsanker sein, um in Würde in ein geregeltes Leben zurückzufinden. Der Bedarf wird immer größer. Nach Schätzung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe gibt es in Deutschland mindesten 59 000 wohnungslose Frauen, Tendenz steigend. Genaue Zahlen gibt es nicht. Die Bundesregierung lässt keine Statistik erheben, als würde sie versuchen, das Problem damit unsichtbar zu halten. Entsprechend gibt es auch keine – eigentlich so dringend nötige – Strategie zur Bekämpfung von Wohnungslosigkeit.

Die Folgen der Covid-19-Pandemie und die erforderlichen Infektionsschutzmaßnahmen erschweren die Lage für alle Beteiligten. Die wenigen Plätze mussten in vielen Projekten halbiert werden, auch die Schlafplätze. Tagsüber ist es fast unmöglich, Aufenthaltsorte wie Bibliotheken oder Cafés zu nutzen.

»Was wir jetzt brauchen, sind vor allem Einzelzimmer für die Frauen. Es müssen Orte sein, die ihnen nicht nur nachts, sondern auch tagsüber zur Verfügung stehen. Eine Umsetzung von Abstandsregeln und Hygienemaßnahmen ist jetzt für die Frauen lebensnotwendig.« So bringt Andrea Hniopek den wichtigsten nächsten Schritt auf den Punkt.

Cornelia Möhring ist frauenpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE

Mindestens 59.000 Frauen von Wohnungsnot und Wohnungslosigkeit betroffen

■ Im Jahr 2018 waren mit mindestens 59.000 Frauen 27 Prozent der von Wohnungsnot und Wohnungslosigkeit betroffenen Menschen weiblich. Der Anteil wohnungsloser und von Wohnungsnot betroffener Frauen ist Schätzungen zufolge heute etwa doppelt so hoch wie vor 20 Jahren.

■ 19 Prozent der hilfesuchenden Frauen sind akut von Wohnungslosigkeit bedroht oder leben in unzumutbaren Wohnverhältnissen.

■ 61 Prozent der Frauen sind bereits wohnungslos, wenn sie im Hilfesystem angekommen sind.

■ Im Berichtsjahr 2018 lebten 21 Prozent der weiblichen und 4 Prozent der männlichen Hilfesuchenden in Haushalten mit minderjährigen Kindern.

■ Fast die Hälfte der Hilfesuchenden in Haushalten mit minderjährigen Kindern (46 Prozent) sind alleinerziehende Frauen.

Was tun gegen Obdachlosigkeit?

■ Wohnungs- und Obdachlosigkeit sind die Folgen einer sozialer Schieflage. Wenn wir also mittelfristig vermeiden wollen, dass Menschen ihr Zuhause verlieren, müssen wir an den Ursachen ansetzen: Armut bekämpfen, soziale Sicherungssysteme und Infra-strukturen ausbauen, bezahlbaren Wohnraum für alle erstreiten.

■ Die Fraktion DIE LINKE fordert – gerade während der Pandemie –, Zwangsräumungen zu stoppen, Kündigungen auszuschlie-ßen und Mietsanktionen der Jobcenter abzuschaffen. Gerade in Städten und Gemeinden mit Wohnungsknappheit muss Leerstand beschlagnahmt und obdachlosen Menschen zur Verfügung gestellt werden.

■ Statt Sammelunterkünften braucht es im Sinne des Infektionsschutzes dezentrale Unterbringung, mindestens aber separate Wohneinheiten, beispielsweise durch die Anmietung von Hotels. Vor allem Frauen benötigen darüber hinaus Räume ohne männ-liche Präsenz. Und es braucht – auch hier auf den spezifischen Bedarf von Frauen ausgerichtet – eine personenzentrierte Beratung und die Heranführung an das Hilfesystem.

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