Eure Freizeit ist unsere Arbeit

Seit Mitte März lebt die Veranstaltungsbranche ohne Aufträge und ohne Einkommen. Unmittelbar vor dem »Lockdown light« war die Interessenvertretung #AlarmstufeRot zu Gast in der Fraktion DIE LINKE. clara dokumentiert in Ausschnitten Nöte eines Wirtschaftszweigs, in dem 1,9 Millionen Menschen arbeiten.

Die Probleme

Die Prognose war brillant. Dann kam Corona und hat uns einen Strich durch die Rechnung gemacht. Ich habe relativ schnell eine Insolvenzwelle auf uns zukommen sehen. Gesagt, das ist nicht mehr das unternehmerische Risiko, da werden wir aus eigener Kraft nicht rauskommen.

Sandra Beckmann, NRW, selbstständige Unternehmerin, seit 25 Jahren verantwortlich für Veranstaltungstechnik und Veranstaltungsplanung, alleinerziehende Mutter von drei Kindern

Unsere Branche hat wirklich über Jahrzehnte funktioniert. Wir haben keine staatlichen Hilfen in Anspruch genommen. Hatten es deshalb auch nicht nötig, eine eigene Lobby aufzubauen. Gefühlt stehen wir jetzt allein vor den Problemen. Mit unserer bundesweiten Aktion »Night of Light« haben wir im Juni darauf aufmerksam gemacht, dass noch maximal 100 Tage bleiben, in denen unsere Geldreserven reichen.

Christian Seidenstücker, Bremen, Veranstaltungsprojekte im In- und Ausland, beschäftigt 120 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, kooperiert mit etwa 400 Soloselbstständigen

Ich bin Soloselbstständige. Habe zwölf Jahre lang kräftezehrend ein Unternehmen aufgebaut, um in der Kultur etwas zu bewegen. Deutschland ist – was die Kultur und Künstler angeht – weltweit eine Marke. Jetzt sind wir an einem Punkt, an dem auch ich 15 meiner Bands und Künstler sagen musste, ich weiß nicht, ob es weitergeht. Ich weiß auch nicht, ob ich noch da bin, wenn es überhaupt weitergeht.

Jane Kindermann, Berlin, Vermittlerin von Künstlerinnen und Künstlern, Agentur Booking United

Eines unserer Mitglieder ist zum Beispiel Sennheiser. Ein sehr gesundes Unternehmen, das jetzt stark Arbeitsplätze reduzieren musste. Da wurden auf einen Schlag bis zu 600 Personen entlassen.

Linda Residovic, Hannover, gelernte Eventmanagerin und Betriebswirtschafterin, Geschäftsführerin des Verbandes für Medien- und Veranstaltungstechnik e. V.

Nicht nur, dass wir zum Schutz der Bevölkerung arbeitslos geworden sind, sondern wir haben auch keine Perspektive. Das führt zu dramatischen existenziellen Ängsten. Am 22. Juni haben wir gesagt, wir halten das keine 100 Tage mehr aus. Zu dem Zeitpunkt durften wir aber schon 105 Tage nicht mehr arbeiten. Wir führen viele gute Gespräche, aber am Ende bleibt: Von warmen Worten können wir weder unseren Kühlschrank füllen noch unsere Verbindlichkeiten begleichen. Acht Monate ohne Einkommen, das hält keiner aus, weder privat noch betrieblich.

Sandra Beckmann

Die Folgen

Ich finde einige Statements von bayerischen Landräten bezogen auf Freizeitaktivitäten sehr unsensibel. Ich kann nur sagen: Eure Freizeit ist unsere Arbeit. Die kann man nicht einfach so wegwischen. Wenn es mit dieser Perspektivlosigkeit in den Winter geht, mache ich mir persönlich um einige meiner Künstler Gedanken. Ich habe Angst, dass sie vielleicht in einem schwachen Moment etwas machen, was wir alle nicht für möglich halten.

Markus Nisch, Berlin, Agentur Booking United

Wir bekommen täglich Anrufe von Künstlern, die sagen, ich habe keine Ahnung, wovon ich die Miete bezahlen soll. Habt ihr endlich eine Antwort? Seit April werden wir von der Landesebene auf die Bundesebene geschubst. Man sagt uns, geht doch mal da klopfen. Und wir klopfen, putzen Klinken. Aber wir brauchen jetzt einfach Hilfen. Nicht nur für uns als Agenten, sondern auch für die Künstler. Wenn die uns wegbrechen, wenn jetzt die Message lautet: »Ihr seid nicht wichtig«, dann kriegen wir die nie wieder.

Jane Kindermann

Unsere Situation ist extrem. Viele von uns haben nicht einmal die Chance auf das letzte soziale Auffangmittel Hartz IV. Entweder weil sie in einer Bedarfsgemeinschaft leben oder Altersvorsorge betrieben haben. Somit über ein Vermögen verfügen, das erst aufgebraucht werden muss.

Sandra Beckmann

Das Veranstaltungsgeschäft ist leider nicht gleichmäßig auf das Jahr verteilt, es gibt immer gewisse Wellenausschläge. Starke Monate sind März, Mai, Juni und dann September, Oktober, November. Alle fielen aus.

Christian Seidenstücke

In Berlin gab es Klubs, die im April und Mai Charity-Gelder eingesammelt haben. Da kamen teilweise über 100.000 Euro zusammen, gespendet von verschiedenen Künstlern. Aber jetzt sind wir im Oktober. Das heißt, über Monate hinweg kann eine ganze Branche nicht mehr nur durch die Unterstützung von Leuten, die etwas mehr Geld haben, überleben.

Markus Nisch

Der Zwischenruf

Die positive Nachricht: Die Veranstaltungs- und Kreativwirtschaft hat sich in dieser Krise entschlossen organisiert. Agentinnen und Agenten schlossen sich erstmals zusammen, die #AlarmstufeRot brachte Zehntausende auf die Straßen. Meine Gespräche mit Vertreterinnen und Vertretern der Branche zeigten, wie sehr alle Bereiche miteinander verzahnt sind. Alle, die im Kultur- und Kreativbereich arbeiten, sollten sich auch in Zukunft miteinander solidarisieren und gemeinsam kämpfen. Denn die Pandemie zeigt, wie verletzlich die Branche ist. Das liegt auch daran, dass Kulturförderung es häufig nicht zulässt, dass Kreative Rücklagen bilden. Es liegt aber auch an der Haltung, dass Kultur – wie jüngst mit der Novemberverkündigung des Lockdowns – als bloße Unterhaltung abgetan wird. Und daran, dass dem Bund in Sachen Kulturförderung die Hände gebunden sind, die Kommunen an »freiwilliger« Kultur sparen dürfen. Kurzum: Kultur gehört ins Grundgesetz. Das muss in enger Kooperation mit Verbänden und Kulturschaffenden erreicht werden.

Simone Barrientos

Kunst und Kultur dürfen keine Armutsfalle sein

Seit mehreren Monaten fordert die Bewegung #AlarmstufeRot Unterstützung für die Kultur- und Veranstaltungsbranche. Sie kritisiert zu Recht: Finanzielle Hilfen für Künstlerinnen und Künstler, Kulturschaffende und Veranstalter sind bisher entweder viel zu wenig geflossen, kommen bei den Betroffenen nicht an oder sind gar nicht vorgesehen.

Während die Bundesregierung in anderen Bereichen der Wirtschaft, zum Beispiel bei der Lufthansa, schnell ein Milliardenpaket fertig schnürte und sogar Staatshilfen an Konzerne zahlte, die in der Pandemie Dividenden an ihre Aktionäre ausschütteten, werden die Menschen in der Kulturbranche im Regen stehen gelassen. Das ist ein reines Regierungsversagen! Mal wieder zeigt sich: Bei der Bundesregierung setzen sich diejenigen durch, die über die größte Lobby verfügen. Damit muss Schluss sein! Finanzielle Hilfe muss denjenigen zugutekommen, die sie wirklich brauchen. Durch einen Unternehmerlohn, der zum Leben ausreicht; durch die Erhöhung des Kurzarbeitergelds sowie durch konkrete und unbürokratische Hilfen für Soloselbstständige und Unternehmen: Das Geld muss wirklich ankommen.

Viele Menschen in der Kultur- und Veranstaltungsbranche hatten auch vor Corona kein Luxusleben – oft waren Einnahmen generell gering oder monatsabhängig. Daher müssen wir gemeinsam aus der Krise lernen: Kunst und Kultur können sich nur dann frei entfalten, wenn ein gesichertes Einkommen vorhanden ist. Es ist Aufgabe der Politik, das zu gewährleisten.

Amira Mohamed Ali

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