Einst waren wir Juden

Seit vielen Jahren rekonstruieren Menschen aus der Familie Steinitz ihre weitverzweigten Verbindungen in die Welt. Ein Filmemacher hat sie dabei begleitet.

Klaus Steinitz sitzt in seinem Wohnzimmer vor einer Wand mit Bildern von seinen Kindern und Enkeln. Auf die Frage, welche Rolle jüdische Traditionen in seiner Kindheit spielten, antwortet der mittlerweile 88-Jährige knapp: »Gar keine.« Im schwedischen Exil habe die Familie zwar Kontakt zur jüdischen Gemeinde gehalten. Aber sie seien immer Atheisten gewesen, sie begingen keine jüdischen Feiertage. Sein Vater, Wolfgang Steinitz, Kultur- und Sprachwissenschaftler, hatte dort eine wichtige Funktion für die illegale Leitung der KPD. »Unsere Familie hatte Glück«, betont Klaus Steinitz im Gespräch mit clara, »alle Geschwister meines Vaters waren rechtzeitig rausgekommen.« Raus aus dem Deutschen Reich.

Katrin Tamara Tenenbaum, genannt Katja, ist 1942 in Italien geboren. Ihre Mutter Ulla Steinitz hatte 1939 in Florenz Mordko Tenenbaum geheiratet. Sie wünsche sich von der Steinitz-Familie, »mehr jüdisch zu sein«, sagt sie in dem Dokumentarfilm »Once we were Jews«. Die Synagoge in der Berliner Rykestraße, in der sie mit Regisseur Frank Gutermuth spricht, verweist auf eine religiöse Dimension. Trotzdem sehe sie die Steinitz-Familie als eine Einheit, auch wenn sie in die Welt zerstreut ist. Ihre Schulferien hatte Katja regelmäßig bei der Familie in der DDR verbracht. Dort habe sich, sagt sie mit einem Lachen, ihr Internationalismus entwickelt.

Die Existenz Israels als Schutzort für Juden und Jüdinnen vor Antisemitismus sei für ihn ein zentrales Thema, meint Benjamin Steinitz, geboren 1983 in Berlin-Pankow. Der Enkel von Klaus Steinitz schmunzelt in die Kamera, als er betont, dass man diese Auseinandersetzung »nicht immer auf einer Seite stehend« geführt habe. »Es gibt etwas Verbindendes, und es gibt viel Trennendes bei den Steinitzen.« Verbindend sei das Jüdischsein und die Shoah, weil sie den Weg aller Familienmitglieder beeinflusst hat. Unterschiedlich seien hingegen die politischen Überzeugungen und, natürlich, die individuellen Lebenswege.

Vage Identität, kulturelle Tradition, Religion oder Verbundenheit mit einem Staat: Wie unterschiedlich der Umgang mit der jüdischen Historie sein kann, zeigen die Geschichten der Familie Steinitz. Die Schwester von Klaus, die Linguistin Renate Steinitz, begann schon zu DDR-Zeiten, den weltweiten Verzweigungen der Familie nachzuspüren, sie suchte Kontakt zu Menschen mit Namen Steinitz in Lateinamerika, Italien, Israel und den USA.

Im Jahr 1998 organisierte sie ein erstes internationales Treffen der Familie in Berlin und schrieb danach das Buch »Eine deutsche jüdische Familie wird zerstreut«. Inzwischen, mehr als 20 Jahre später, knüpfen »die in diesem Jahrhundert Geborenen« an ihre Initiative an, so wie Renate Steinitz es bei der Herausgabe ihres Buches gehofft hatte. Die Familientreffen gehen weiter, gemeinsam besuchte die große Familie unter anderem Breslau, den Geburtsort von Wolfgang Steinitz.

Ende Oktober 2020 zeigte das Jüdische Filmfestival Berlin-Brandenburg erstmals den Film »Once we were Jews«, mit dem Frank Gutermuth die Treffen der großen Familie und ihre Aufarbeitung dokumentierte. Klaus Steinitz ist sichtlich stolz auf die »sehr positive Bilanz«, die alle Beteiligten bei der Uraufführung ziehen konnten. Und schließlich sei es ein schönes Gefühl, als Familie »so international aufgestellt zu sein«. Aktuell verhindert die Corona-Krise weitere Aufführungen des Films. Aber man hoffe, so Regisseur Frank Gutermuth gegenüber clara, ihn Ende Januar erneut in Berlin zeigen zu können.

Malte Daniljuk

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