Digitale Grundsicherung und Schulsozialarbeit für alle!

Aus der Krise lernen heißt, ein modernes und sozial gerechtes Bildungssystem zu schaffen. Von Birke Bull-Bischoff

Die Erkenntnis ist nicht neu: Die Krise offenbart das bedrückende Ausmaß an sozialer Ungleichheit in Kita, Schule und Berufsschule. Diese Ungleichheit wirft Kinder aus ärmeren Familien in ihren Talenten und in ihrer Neugier zurück. Seit März waren Schülerinnen und Schüler vielfach auf sich selbst gestellt und gezwungen, zu Hause zu lernen. Für Familien mit weniger Geld bedeutet das einen enormen Druck.

Viel zu kleine Wohnungen, fehlende Möglichkeiten, in Ruhe zu lernen, nicht selten müssen sie Verantwortung für die Geschwister übernehmen. Es fehlt schon am Geld für eine leistungsfähige Internetverbindung, am Computer, am Drucker oder Papier. Der Regelsatz für Menschen in Hartz IV kennt keine Bildungsausgaben. Das Bildungs- und Teilhabegesetz lässt den Kauf digitaler Geräte nicht zu. Häusliches Lernen ist auf diese Weise so gut wie nicht möglich. Die Situation der Eltern ist gerade in diesen Familien oftmals belastet durch Zukunftsängste.

Auch viele Lehrkräfte sind überfordert. Immerhin ist das Lernen mit digitalen Mitteln in Deutschland noch Neuland. Schülerinnen und Schüler in belasteten Lebenslagen erfahren im Schulsystem ohnehin vielfach Ausgrenzung und Benachteiligung – schon allein durch das gegliederte Schulsystem, das weniger nach Leistung als vielmehr nach sozialer Herkunft sortiert. In der Corona-Krise werden sie regelrecht abgehängt.

Ausgrenzung entgegentreten – Voraussetzungen für digitales Lernen schaffen

Deshalb haben die Bildungspolitiker der Fraktion DIE LINKE schon vor Wochen vorgeschlagen, das Bildungs- und Teilhabepaket zu öffnen zur Absicherung einer digitalen Grundsicherung. Dazu gehören Laptop, Drucker, Papier und die Kosten einer leistungsfähigen Internetverbindung zu Hause.

Nach der Rückkehr in die Schule müssen sie den Anschluss finden. Das braucht mehr Zeit, um nachzuholen, was zu Hause nicht möglich war. Prüfungen sind jetzt nicht das Wichtigste. Es müssen Möglichkeiten dafür geschaffen werden, das Lernen unter schwierigen Bedingungen zu fördern. Sensible Lehrkräfte müssen vor allem Kindern in problembeladenen Lebensumständen Wertschätzung entgegenbringen und ihnen Mut machen.

Sozialarbeit an den Schulen stärken

Dafür brauchen wir ein flächendeckendes Netz von Schulsozialarbeiterinnen und -arbeitern, und zwar in allen Schulen. Das muss zur Selbstverständlichkeit werden. Sie sind Profis, wenn es darum geht, Probleme zu bewältigen. Sie sind eine Unterstützung für Pädagoginnen und Pädagogen, Eltern und Schüler. Bereits im vergangenen Jahr haben wir deshalb im Deutschen Bundestag beantragt, das Kinder- und Jugendhilferecht so zu verändern, dass Schulsozialarbeit für alle Schülerinnen und Schüler möglich wird. Nun ist diese Forderung aktueller denn je.

Wir brauchen sehr viel mehr Erfahrungen der Kinder- und Jugendhilfe – auch in der Schule. Für neue Formen des Lernens, mit denen wir gerade diese Kinder erreichen können. Noch liegt der Antrag im Parlament. Es wäre eine gute Gelegenheit für die demokratischen Parteien im Bundestag zu zeigen: Wir haben spätestens in der Krise gelernt, dass Kinder, die mit Ausgrenzung und Benachteiligung zu kämpfen haben, unsere Unterstützung bekommen. Kein Talent darf uns verloren gehen. Und was noch wichtiger ist: Bildung ist ein Schlüssel für ein gutes und selbstbestimmtes Leben.

Birke Bull-Bischoff ist Sprecherin für Bildungspolitik

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