Lebensmittel als Systemfrage

Lokale Wirtschaftskreisläufe stärken die Beschäftigten in der Landwirtschaft, die Umwelt und die Widerstandskraft bei Krisen. Von Kirsten Tackmann

Die Corona-Pandemie hat viele Fragen neu oder zugespitzter gestellt. Nicht nur beim Kampf ums Klopapier. Sie hat auch den Blick geschärft für systemrelevante Tätigkeiten. Dazu gehören Erzeugung, Verarbeitung und Verteilung von Lebensmitteln. Laut Statistischem Bundesamt hat sich die Nachfrage bei Teigwaren plötzlich verdoppelt im Vergleich zum Durchschnitt der Monate vor Corona. Mehl wurde zwischenzeitlich dreimal häufiger gekauft als üblich. Die gefühlte Sorge um die Versorgungssicherheit hat Lücken zwar oft erst ausgelöst, doch es gab auch echte Lerneffekte.

»Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht«

Über diesen Buchtitel konnte man vor Corona herzlich lachen. Unterdessen liest er sich etwas anders. Die einzige Assoziation zu »Lebensmittel« ist oft »Supermarkt«. Das trägt zum Paradoxon bei, dass Lebensmittelkonzerne hohe Profite verzeichnen, während sich Agrarbetriebe in soziale und wirtschaftliche Probleme melken, säen und ernten. Erst recht durch Extremwetterlagen im beginnenden Klimawandel. Die Corona-Pandemie hat die Systemrelevanz der Landwirtschaft plötzlich ins Bewusstsein gerückt. Ernährungssicherung ist ein Thema vor unserer Haustür.

Deshalb muss eine linke Sicht zwingend die sozialen und ökologischen Probleme in der Landwirtschaft auf die Tagesordnung setzen. Auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion zur Frage der Verteilung der Wertschöpfung innerhalb einer Lieferkette räumt selbst die Bundesregierung ein, dass nur 13 Prozent der Wertschöpfung bei den Erzeugerbetrieben bleiben, der übergroße Rest geht an Supermarkt-, Molkerei- und Schlachthofkonzerne.

Grund ist ihre extreme Macht mit erheblichem Erpressungspotenzial gegenüber den Agrarbetrieben. Selbst das Bundeskartellamt hat für den Milchsektor schon vor Jahren festgestellt, dass die milcherzeugenden Betriebe fast das gesamte Produktionsrisiko tragen müssen, von Futtermangel wegen Dürre bis zur Milchmenge.

Bessere Bezahlung wird in der Pflege gebraucht, aber eben auch an den Supermarktkassen, in Lkw-Kabinen, auf Feldern, in Ställen und in Gewächshäusern. Das gilt erst recht für Saisonarbeitskräfte, egal, woher sie kommen! Wenige Cents Preisersparnis werden erkauft mit der Abhängigkeit von globalen Lebensmittellieferketten, die volkswirtschaftlich, aber auch sozial und ökologisch riskant ist.

Wochenmarkt statt Weltmarkt

Das gilt ebenso für die Abhängigkeit von über 250.000 Saisonarbeitskräften jährlich, die auf deutschen Äckern »marktfähig« pflanzen und ernten. In der Pandemie ist das extra riskant – für die Saisonarbeitskräfte und die Agrarbetriebe. Dass pandemiebedingte Reiseverbote für »billige« Erntehelferinnen und Erntehelfer ausgesetzt wurden, zeigt die Absurdität des Systems genauso wie die Tatsache, dass die strengen Infektions- und Arbeitsschutzregeln für Saisonarbeitskräfte aufgeweicht wurden. Hier wird offensichtlich, wie sehr das System auf Ausbeutung von Mensch und Natur beruht. Eine konzernfreundliche Agrarpolitik hat Lebensmittel zum möglichst billigen Rohstoff für globale Lieferketten gemacht – mit fatalen Folgen.

Im Aktionsplan Klimagerechtigkeit der Bundestagsfraktion DIE LINKE geht es deshalb auch um die Rückkehr zu einer Landwirtschaft mit regionaler Versorgungsfunktion. Schon unsere Vorfahren wussten, dass die Ernte an den Rädern hängen bleibt. Deshalb sind Dorfläden, regionale Schlachthöfe, Molkereien, Kita- und Schulverpflegung, geschlossene Wirtschaftskreisläufe und ortsansässige Agrarbetriebe in unser aller Interesse.

Kirsten Tackmann ist Sprecherin für Agrarpolitik

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