Kooperative Wissenschaft, solidarische Gesellschaft

Die Corona-Krise sollte auch für Forschung und Wissenschaft die Weichen zu stärkerer Orientierung am Gemeinwohl stellen. Von Petra Sitte

Die Pandemie und ihre Bekämpfung zeigen schonungslos, woran es dieser Gesellschaft und damit auch unserem Gesundheitswesen fehlt und was in den vergangenen dreißig Jahren durch politische Entscheidungen verlorengegangen ist. Privatisierungswellen, der Rückzug öffentlicher Verantwortung, die Selbstentmündigung von Parlamenten, Individualisierung und Vereinzelung haben genau die Strukturen verwittern lassen, die gesellschaftlichen Zusammenhalt stützen.

In der Krise jedoch hat sich gezeigt, dass Menschen sehr wohl Solidarität leben wollen und können. Sie denken aneinander, stehen füreinander ein und handeln im besten Falle gemeinsam. Ein lebendiges, solidarisches Gemeinwesen zu revitalisieren und jenseits von ökonomischem Druck und Profitlogik auszurichten, ist eine große politische Aufgabe.

Aufgabe des Gesundheitswesens sollte es sein, Erkrankten und besonders Gefährdeten ein Pflege- und Betreuungssystem zu bieten, das ihnen beste Behandlung ermöglicht. Das Wissenschafts- und Forschungssystem sollte kooperieren, statt zu konkurrieren, und schnell neue Medikamente und Impfstoffe entwickeln, um weitere Infektionswellen einzudämmen. Im weiteren Sinne ist das Ziel, Betroffenen in allen Bereichen dieser Gesellschaft ein Netz zu spannen, das hilft, nach schrittweiser Aufhebung des Shutdowns ihre Existenz zu erhalten und neue Lebensperspektiven zu eröffnen.

Als Forschungspolitikerin erlebe ich seit Jahren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die gesellschaftlich wach und sensibel unter großen gesellschaftlichen Herausforderungen genau an diesen Konfliktlinien nicht nur forschen, sondern dies auch gemeinwohlorientiert umsetzen wollen. Sie nehmen aber eine weitverbreitete Wissenschaftsskepsis wahr. Die ist ganz sicher auch daraus entstanden, dass oft genug aus der Wissenschaft Empfehlungen kamen, in denen die Menschen ihre Interessen nicht wiederfanden. Ungleichgewichte – soziale, ökonomische, ökologische – wurden verstärkt.

Die Ökonomisierung der ganzen Gesellschaft hat auch die Wissenschaft erfasst. Ständige Konkurrenz um Forschungsmittel und Publikationsplätze beeinflusst die inhaltliche Ausrichtungen, sie kostet Unabhängigkeit und Vertrauen. Wie notwendig Vertrauen in wissenschaftliche Erkenntnisse ist, zeigt sich besonders in dieser Krise, in der die Forschung am Virus täglich Neues bringt, in der Pläne im Umgang damit immer wieder geprüft und gegebenenfalls auch geändert werden müssen. Die Corona-Krise und der Shutdown dürfen nicht einfach nur Episoden gewesen sein. Wir haben doch gesehen – analog und digital –, in welch kritischem Zustand Kernbereiche der Gesellschaft sind. Was soll daraus folgen? Ich halte es für zwingend notwendig, eine gesellschaftliche Debatte auszulösen, um das zu ändern.

Wer eine solidarische Gesellschaft will, muss Bildung, Wissenschaft, Kultur, Sozialsystemen, Kommunen, Umwelt und Natur einen anderen Stellenwert geben, muss sich ungeduldiger in politische Entscheidungen einmischen. Und hier schließt sich für mich als Wissenschaftspolitikerin der Kreis: Die Herausforderung besteht darin, kooperativ Impulse und Szenarien für ein starkes, solidarisches Gemeinwesen weiter zu schärfen, zu diskutieren und mitzugestalten.

Konkret beginnt das schon mit den anstehenden Auseinandersetzungen über ein öffentliches Konjunktur- bzw. Investitionsprogramm. Das muss finanzieren, was eine Gesellschaft, was Menschen wirklich brauchen. Damit beginnt der Restart.

Petra Sitte ist stellvertretende Vorsitzende der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag

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