Corona-Krise

Klatschen reicht nicht …

Die Krise zeigt die Schwächen im Gesundheits- und Bildungssystem. clara hat mit Menschen gesprochen, die nicht zu Hause bleiben können.

»Dieses Virus ist absolut gruselig«, sagt Luca Raubert*. Die niedergelassene Ärztin kam sehr früh in Kontakt mit den ersten Covid-19-Patienten. »Bis heute können wir die Verläufe der Erkrankung nicht wirklich einschätzen.« Über den ärztlichen Bereitschaftsdienst macht die 50-Jährige Hausbesuche bei Infizierten und Erkrankten, immer in voller Schutzausrüstung. Gerade am Anfang mussten die Mediziner »unter großer Sorge und mit zu wenig Material« arbeiten.

Bis Ende März habe das Problem bestanden, dass zu wenig Schutzausrüstung vorhanden war. Der Bereitschaftsdienst schickte seine Mediziner nicht ohne Schutz zu den Verdachtsfällen. Erst als nach einigen Wochen die Kooperation mit der Feuerwehr stand, konnten die Ärzte und Ärztinnen überhaupt zu Tests und Hausbesuchen ausrücken, immer in »voller Montur«, betont Luca Raubert. Deshalb wurde besonders vor den Osterferien nicht ausreichend getestet. Viele ältere Kollegen schlossen zudem ihre Praxen und standen nicht mehr für den Bereitschaftsdienst zur Verfügung. Für die verbliebenen Ärzte bedeutete dies zusätzliche Arbeitsbelastung.

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Inzwischen wisse sie jedoch auch von Menschen im mittleren Alter und ohne nennenswerte Vorerkrankungen, die an Covid-19 sterben. »Es besteht wirklich die Gefahr, dass die Menschen diese Krankheit unterschätzen«, warnt die Medizinerin.

Gesundheit ohne Profite

»Die Gesundheitsämter sind mit der Situation personell völlig überlastet«, so der Eindruck von Luca Raubert, daher wurden viele Verdachtsfälle abgewiesen. Dies sei der Grund, dass bis Mitte Mai noch zu wenig getestet wurde. Zwar fühlt sich die Mutter zweier Kinder inzwischen selbst relativ sicher, geschützt von Schutzanzüge und Masken. Aber aus ihrer Erfahrung als Betriebsärztin weiß sie, dass dieser Schutz an vielen Arbeitsplätzen fehlt.

Im Bereich Pflege und in der Physiotherapie sei die Situation »absolut gefährlich«. Sie erinnert an den massiven Coronavirus-Ausbruch an der Potsdamer Bergmann-Klinik und in mehreren Altenheimen. Besonders die Arbeitsverhältnisse in der Pflege seien »eine Katastrophe«, so dass in Deutschland kaum noch jemand bereit ist, zu diesen Bedingungen zu arbeiten. In vielen Krankenhäusern werde nur noch mit Leiharbeitskräften gearbeitet: »Da muss ganz dringend etwas passieren.«

Die Risiken in der Krankenpflege kennt Jana Herder* aus eigener Erfahrung. Die 30-Jährige hat sich Ende März auf ihrer Station mit Covid-19 angesteckt. »Außer mir betraf das noch fünf oder sechs weitere Kolleginnen«, berichtet die ausgebildete Gesundheits- und Krankenpflegerin. Für sie bedeutete der Befund, die nächsten fünf Wochen in voller Quarantäne zu verbringen. Zum Glück verlief die Krankheit glimpflich. Aber selbst ihren Lebensgefährten, einen Asthmatiker, durfte sie in dieser Zeit nicht sehen. »Wir hatten einfach Glück, dass er nicht hier war, als ich mich infiziert habe.«

Insbesondere am Anfang, als die ersten Covid-19-Patienten auf die Station kamen, habe es starke Probleme mit dem Isolationsmaterial gegeben, dazu Unsicherheit über die Übertragungswege. Das Personal sei teilweise mit einfachem Mund-Nasen-Schutz in Kontakt mit Patienten gekommen. Jana Herder geht »mit 1.000-prozentiger Sicherheit« davon aus, dass sie sich auf der Arbeit angesteckt hat. Erst Mitte bis Ende April ist die Versorgung auf ihrer Station besser geworden, weiß die Krankenpflegerin von ihren Kollegen.

Jana Herder arbeitet seit 13 Jahren »konsequent« in dem Beruf, wie sie sagt. Aktuell ist sie im Schichtbetrieb auf einer kardiologischen Station eingesetzt, vertritt aber auch auf der Rettungsstelle. Eigentlich sei es ihr Traumberuf, aber »so wie der Job jetzt läuft, kann ich ihn nicht ewig machen«, sagt Jana Herder. »Wir sind ganz normal vom Pflegenotstand betroffen«, umschreibt sie die Arbeitsbedingungen. Pro Schicht sind vier Pflegekräfte für 42 Betten zuständig, wobei sich zwei nur um die acht Monitorbetten kümmern. Die restlichen 34 Betten teilen sich zwei Personen, pflegeaufwendige Patienten könnten so nicht angemessen betreut werden.

Sie kämpft mit dem Bündnis »Gesundheit ohne Profite« für bessere Arbeitsbedingungen im Gesundheitsbereich. »Wir brauchen einen verbindlichen Pflegeschlüssel, der wirklich bedarfsorientiert ist«, fordert Jana Herder. Bis Ende der 1990er Jahre hatte es eine solche Regelung gegeben, seitdem ließen sich deutliche Verschlechterungen bei Arbeitsbedingungen und Pflege feststellen. Zudem müsse dringend das Outsourcing, etwa der Reinigungskräfte, gestoppt werden. Skandalös sei auch, dass die gesamte Fertigung von Medikamenten und Schutzkleidung ins Ausland verlegt wurde. Das ist ein Grund für die aktuellen Lieferengpässe.

»Hier herrscht völliges Chaos«, berichtet Jule Klein* aus dem Schulbetrieb. Die Sonderpädagogin und Grundschullehrerin kennt zahlreiche Schulen in ihrem Bundesland: »Die Lehrkräfte waren einfach auf sich allein gestellt, von der Schulverwaltung gab es keinerlei Vorgaben für den Fernunterricht.« Außerdem fielen mit Beginn der Krise zahlreiche Kollegen aus Risikogruppen aus. An Schulen mit jüngeren Kollegien sind es 20 oder 30 Prozent, in anderen Fällen auch bis zu 50 Prozent der Lehrkräfte.

Auf dem Rücken der Lehrkräfte

Für die verbliebenen Lehrerinnen und Lehrer bedeutet das bis zu zehn Stunden Arbeit am Tag, oft bleibt noch etwas für das Wochenende. Und ein Großteil der Lehrkräfte hat eigene Kinder zu Hause. Bei Kolleginnen mit Leitungsaufgaben kann die tägliche Arbeitszeit auf bis zu zwölf Stunden ausufern. »Die Schulen waren mit der Personalausstattung schon vorher immer an der Grenze des Machbaren«, berichtet die 38-Jährige.

Alles hänge davon ab, wie die einzelnen Lehrkräfte und die Schulleitungen sich engagieren. »Für die meisten Lehrer sind Fernunterricht und E-Learning Fremdworte«, so Klein. Zwar gebe es einzelne Schulen, die bereits vor der Corona-Krise digitale Lernmöglichkeiten genutzt haben. Dort sei der Start ins Homeschooling auch eher reibungslos verlaufen. Für die allermeisten Schulen gelte jedoch, dass die Lehrkräfte improvisieren mussten. Das Ergebnis: In zahlreichen Klassen haben Schüler und Eltern erst nach den Osterferien etwas von den zuständigen Lehrern gehört.

Natürlich hätten sich viele Erzieher und Lehrer Sorgen gemacht, dass sie einer höheren Ansteckungsgefahr ausgesetzt seien. »Ein viel größeres Problem ist jetzt aber, dass die Schultoiletten ständig verdreckt sind«, so die Lehrerin. Wie auch die Kliniken hätten die meisten Schulen die Reinigung an private Dumpinganbieter abgegeben. Sie verweist auf die Bürgerinitiative »Schule in Not«, die sich erfolgreich für die Rekommunalisierung der Schulreinigung einsetzt.

Und während die akute Krise im Rest der Gesellschaft abklingt, beginnt der Stresstest für das Bildungssystem erst richtig: »Ständig neue Gruppeneinteilungen bei der Notbetreuung, Hygieneregeln, vormittags Präsenzklassen, nachmittags Fernunterricht: Das ist überhaupt nicht zu schaffen«, befürchtet die erfahrene Pädagogin. Die systemischen Mängel im Bildungssektor bleiben nach ihrer Einschätzung auf Kosten der Lehrkräfte bestehen.

Malte Daniljuk

*Aus arbeits- und persönlichkeitsrechtlichen Gründen haben wir die zitierten Personen anonymisiert.

Weitere Informationen:

Gesundheit ohne Profite
www.gesundheitohneprofite.noblogs.org

Schule in Not
www.schule-in-not.de

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