Kinderrechte in Zeiten von Corona

Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt fand am 1. Juni der Internationale Kindertag statt. Von Norbert Müller

Seit Jahren streiten wir für die Verankerung von Kinderrechten im Grundgesetz – bis auf die Lippenbekenntnisse der Großen Koalition leider ohne Erfolg. Das häufigste Gegenargument, das einem in den Diskussionen entgegengehalten wird, geht ungefähr so: Das Grundgesetz betreffe die Rechte aller Menschen und damit auch automatisch der Kinder. Änderungsbedarf bestehe dementsprechend keiner.

Wie trügerisch diese Annahme ist, offenbart sich derzeit auf bedrückende Art und Weise. So finden die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen im Krisendiskurs kaum Beachtung, sei es bei der flächendeckenden Schließung von Spielplätzen, der Schließung und Teilwiederöffnung der Schulen oder auch beim De-facto-Kontaktverbot für Heimkinder und ihre leiblichen Eltern.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Viele der verhängten Maßnahmen waren gut begründet und nachvollziehbar. Warum jedoch bei der Arbeit am Fließband ein geringeres Ansteckungsrisiko bestehen soll als beim Treffen unter Teenagern an der frischen Luft, kann mir niemand erklären.
Als es um die schrittweise Schulöffnung ging, stand folgerichtig nicht im Fokus, wie es jungen Menschen wieder ermöglicht werden kann, mit Gleichaltrigen in Kontakt zu kommen, oder wie die gesamtgesellschaftliche Krisensituation pädagogisch aufgearbeitet wird. Nein, es ging einzig darum, wie Abschlussklassen »funktionieren« und wie das ohnehin kinderfeindliche selektive Schulsystem am Laufen gehalten werden kann.

Dass Kinder in der Lage sind, noch dazu mit der Unterstützung ihrer Eltern, eine Schaukel oder Wippe »pandemiegerecht« zu nutzen, wurde ihnen von vornherein abgesprochen. Und dass Kinder ganz unterschiedlichen Alters in einigen Supermärkten pauschal Hausverbot erhielten, war nicht nur den sie betreuenden Eltern gegenüber ungerecht.

Wie im Brennglas ließ sich in den vergangenen Wochen beobachten, welche gesellschaftliche Gruppe mit wie viel Macht ausge-stattet ist. Denn im Ausnahmezustand regieren – noch mehr als sonst – die Interessen der Stärkeren. Und das sind die »Erwachsenen«. Einmal mehr hat sich gezeigt: Kinder sind nicht einfach kleine Erwachsene, sondern haben individuell und auch als gesellschaftliche Gruppe eigene Bedürfnisse und Interessen.

Damit diesem Umstand endlich auch im Grundgesetz entsprochen wird, brauchen wir die Kinderrechte im Grundgesetz. So umstritten dieses Vorhaben in den Reihen der Koalition zuletzt war, droht es – erst recht im Notstandsmodus – ganz nach hinten runterzufallen. Ein denkbar schlechtes Geschenk zum Kindertag.

Norbert Müller ist Sprecher für Kinder- und Jugendpolitik der Fraktion DIE LINKE

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