Hoffnung, die »kleinen Träume« neu zu beleben

Gregor Gysi stellt das neue Buch von Jan Korte über »Die Verantwortung der Linken« vor.

Jan Korte sieht die Demokratie in einer äußerst gefährdeten Situation. Die Drift nach rechts gibt es nicht erst mit dem Aufkommen der AfD. Der Wirkungszusammenhang ist genau umgekehrt. Die Rechtsentwicklung bringt Erscheinungen wie AfD und Pegida hervor. Ein Blick nach Polen und Ungarn, aber auch nach Italien zeigt, wie ernst die Lage ist. Einen besonderen Grund für die Rechtsentwicklung in Deutschland sieht Korte im tief verwurzelten Antikommunismus. Die Abgrenzung gegen rechts war nie so klar wie gegen eine mögliche sozialistische Zukunft. Wer aber ein Mitte-links-Projekt verfolgt, muss vor allem verhindern, dass diejenigen, die sich zurückgelassen fühlen, eine Rechtsentwicklung unterstützen.

Jan Korte nimmt Bezug auf eine Debatte, die die gesellschaftliche und kulturelle Linke der letzten Jahre dominierte, die Debatte über den »progressiven Neoliberalismus«. Gemeint ist die Tatsache, dass von bestimmten politischen Akteuren, die man einer »gemäßigten Linken« zurechnen könnte, sowohl Prozesse der neoliberalen Deregulierung als auch Prozesse der kulturellen Modernisierung vorangetrieben worden sind. In Deutschland stehen dafür exemplarisch die rot-grünen Regierungsjahre. Der progressive Neoliberalismus erzeugt Fortschritt für Bestimmte, aber ebenso sozialen Abstieg für große Teile der Beschäftigten.

Dabei ist entscheidend, dass Jan Korte diese Debatte nicht um einen weiteren akademischen oder feuilletonistischen Beitrag bereichern möchte, sondern diese Prozesse aus der Sicht derjenigen Bürgerinnen und Bürger seines Wahlkreises rekonstruiert, die zu einem großen Teil einst DIE LINKE wählten, inzwischen aber mit Hoffnungslosigkeit auch auf DIE LINKE reagieren. »Ihr versteht uns nicht!« Und hier ergreift Korte Partei. Und zwar für die Abgehängten, für die, die sich zurückgelassen fühlen. Er empfiehlt Einfühlung.

Worauf der Autor hinweist: Soziale Gruppen produzieren ihre Wahrheiten. Jan Korte möchte, dass DIE LINKE, aber auch die Linke insgesamt, diese Wahrheiten ernst nimmt. Sie solle aber nicht dabei stehenbleiben und diesen Wahrheiten unkritisch hinterherlaufen, sondern sie soll die Menschen selbst, die diese Wahrheiten produzieren, ernstnehmen. Und das ist nicht so einfach, weil es oft über eine kulturelle Kluft hinweg geschehen muss.

Linke Aktivistinnen und Aktivisten, Funktionärinnen und Funktionäre, Mandatsträgerinnen und Mandatsträger usw. haben eine Reihe von Ritualen, kulturellen Praktiken, Ausdrucksweisen (Vokabular) infolge ihrer politischen Sozialisierung eingeübt. Diese politische Sozialisierung fand in der späteren Schulzeit und während des Studiums statt; sie ist nützlich auf Parteitagen. Ich weise auf das Studium nicht ohne Grund hin. Es ist kaum noch möglich, in den politischen Apparaten der Partei oder der Fraktionen »aufzusteigen«, ohne eine bestimmte formale Bildung, in der Regel einen Hochschulabschluss, nachzuweisen.

So wird auch politische Sprache geprägt. Das trägt zur Entfremdung bei. Und oft auch zur Fremdheit gegenüber dem, was Korte »kleine Träume« der Arbeiterschaft nennt, die es infolge des Fordismus und ihrer Kämpfe zu einem gewissen, überschaubaren Wohlstand brachte. Auf diese Träume nicht verachtend zu blicken, nur weil man selbst der proletarisch-kleinbürgerlichen Kultur nicht angehört, das fordert Korte ein. Freilich, all das bliebe in guten Absichten stecken, würde man Großes scheuen. Was Jan Korte einfordert, ist eine Politik der sozialen Transformation, die das Verhältnis von Öffentlichem und Privatem, von Staat und Markt, von Ökologie und Sozialem neu austariert.

Gregor Gysi ist außenpolitischer Sprecher der Fraktion DIE LINKE

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