Geschlagen. Gedemütigt. Getötet.

Strafverteidigerin Christina Clemm kennt entsetzliche Geschichten von Frauen und Gewalt. Jetzt hat sie ein Buch darüber geschrieben und gibt uns »Akteneinsicht«.

Seit 1996 stehen Sie im Gericht an der Seite von Frauen, denen Gewalt angetan wurde. Fast ein viertel Jahrhundert lang. Haben die Frauen mittlerweile bessere Voraussetzungen, um Klagen zu können?

Leider nicht. Es gibt immer noch erhebliche Probleme. Häufig wird den Frauen nicht geglaubt, sie haben weiterhin starke, nicht zuletzt auch ökonomische Abhängigkeiten. Durch die Wohnungsnot hat sich das sogar noch verschlechtert. In Ballungsgebieten ist dies ein riesiges Problem, aber auch einen Hortplatz oder Kitaplatz nach der Flucht vor dem gewalttätigen Partner zu finden. Also viele Voraussetzungen, die gebraucht werden, um sich von einem gewalttätigen Partner auf Dauer zu lösen und Sicherheit zu bekommen. In einigen Bereichen sind die Bedingungen also eher schlechter geworden, aber in anderen auch besser. So gab es etwa einige Opferschutzgesetze.

Was heißt Gewalt konkret? Was wird den Frauen angetan? Gibt es etwas, was in vielen Fällen ähnlich ist?

Jeder Fall ist sehr individuell. Man kann nicht abstrakt beurteilen, was besonders schlimm ist. Eine Vergewaltigung ist für eine Betroffene besonders gravierend, körperliche Schläge für eine andere, die Veröffentlichung intimer Bilder für eine Dritte oder psychische Gewalt. Dem Täter geht es meist um eine besondere Form der Erniedrigung. Es geht darum, Macht auszuüben. Gewalt zieht sich durch alle Schichten, durch alle sozialen Herkünfte. Es gibt aber bestimmte Lebenssituationen, die Gewalttätigkeiten begünstigen. Zum Beispiel jetzt in Coronazeiten, die Enge der Verhältnisse oder die Angst, die Arbeit oder geliebte Menschen zu verlieren. Es kann aber auch der Stress um die nächste Beförderung sein, die Zahlung der nächsten Kreditrate.

Vermuten Sie mehr Übergriffe in dieser Zeit der Beschränkungen oder wissen Sie es auch?

Es gibt in Deutschland bisher keinen dokumentierten Anstieg. Aber aus anderen Ländern wissen wir von einem Anstieg häuslicher Gewalt und auch UN-Generalsekretär Guterres bestätigte, dass weltweit ein erheblicher Anstieg von häuslicher Gewalt zu verzeichnen sei. Fachpersonen vermuten, dass es im Moment noch keinen evidenten Anzeigenanstieg gibt, weil viele Frauen durch die Kontaktbeschränkungen mit den Tätern zusammen sind und rund um die Uhr unter deren Kontrolle sind. Was schon zu sehen ist, dass die Beratungsstellen und das bundesweite Hilfetelefon im Moment ungefähr 20 Prozent mehr Anrufe haben.

Ihr Buch »Akteneinsicht – Geschichten von Frauen und Gewalt« ist ganz neu, erschien im März diesen Jahres. Wer soll es lesen?

Ich würde mich freuen, wenn ich eine gesamtgesellschaftliche Diskussion zu dem Phänomen anstoßen könnte. Ich bin überzeugt davon, dass viel zu wenig darüber gesprochen wird. In meinem Buch geht ja nicht nur um häusliche Gewalt, um Gewalt im sozialen Nahbereich, sondern auch um Gewalt auf der Straße, um Gewalt in politischen Auseinandersetzungen, auch um Polizeigewalt. Gewalt gegen Frauen gibt es überall. Ich höre seit über 20 Jahren diese Geschichten und bin oft schwer beeindruckt, was Betroffene erleben, aber auch, wie sie damit umgehen. Ich bin davon überzeugt, dass diese Geschichten der Frauen angehört werden müssen, um zu verstehen, worum es eigentlich geht. Im Krimi geht es immer nur um die Täter oder um die Ermittler und Ermittlerinnen. Es geht niemals wirklich um die Opfer. Wir wissen nichts über sie. Die Frauen kommen doch oft nur als Leichen vor. Aber es geht darum, wie sie die Gewalt erlebt haben, wie sie damit weiterleben. Das ist oft sehr spannend, häufig bewegend und immer auch wieder erstaunlich.

Das heißt, Sie geben den Frauen eine Stimme?

Ich erzähle, wie Frauen, wenn sie es denn überlebt haben, wie sie diese ganze Erniedrigung, die sie erfahren haben, überwinden können. Wie sie wieder ihre Würde zurückerlangen können. Ich zeige Wege von Betroffenen auf, die nicht stets in der Opferrolle bleiben und auch nicht darauf reduziert werden möchten. Natürlich gibt es Frauen, die ein Leben lang darunter leiden und unsere Solidarität dringen bedürfen. Aber es gibt auch die vielen anderen, die sagen, okay, die Verletzung ist ein Teil von mir, sie hinterlässt für immer Narben, aber ich habe einen Weg gefunden damit umzugehen. Und wie sie das tun, das erzählt das Buch auch.

Wie sind denn die ersten Reaktionen?

Mir sagten Leute, das Thema sei so schwer, so bedrückend, sie hätten eigentlich keine Lust, sich damit intensiver zu beschäftigen und das Buch zu lesen. Von denen, die es gelesen haben aber höre ich, dass sie das Buch fast in einem durchgelesen haben, weil es spannend oder packend ist und sie unbedingt wissen wollten, wie die Geschichten weitergehen. Ich erzähle ja konkrete Fallgeschichten, die zwar nicht in genau dieser Form geschehen sind, aber genauso täglich passieren. Diese Erzählungen sind durchsetzt von Einschüben mit juristische Erläuterungen.

Zu Beginn sagten Sie, es hat sich grundsätzlich leider nichts geändert. Was wünschen Sie, sollte sich ändern?

Mein Wunsch an die Gesellschaft ist, sich mit diesem Phänomen geschlechtsspezifischer Gewalt öffentlich und viel mehr auseinanderzusetzen. Es ist wichtig darüber zu sprechen, auch für die Betroffenen, damit sie nicht mehr stigmatisiert werden.

Letztlich muss aber endlich gesehen werden, dass geschlechtsspezifische Gewalt vor allem ein Problem von Männern ist. Es sind ganz überwiegend Männer, die Gewalt gegen Frauen ausüben. Es reicht nicht aus, wenn Männer denken, sie täten genug gegen das Problem, nur weil sie selbst nicht gewalttätig sind, sie müssen sich schon aktiv dagegen positionieren. Ich glaube nicht, dass wir schärfere Gesetze oder höhere Strafen brauchen. Wir müssen darüber nachdenken, was wirklich hilft. Und das ist viel mehr Präventionsarbeit, viel mehr einen gesellschaftlichen Konsens geschlechtsspezifische Gewalt nicht zu dulden. Justiziell brauchen wir einiges, unter anderem mehr Kapazitäten, bessere Ausbildung, bessere Fortbildungen für alle, die in diesem Bereich arbeiten. Möglicherweise spezialisierte Ermittlungsbehörden und Gerichte, auch einen anderen Umgang der Familiengerichte mit Gewalt.

Das Gespräch führte Gisela Zimmer.

Christina Clemm vertritt unter anderem Betroffene von sexualisierter, geschlechtsspezifischer, rassistisch und LGBTIQ-feindlich motivierter Gewalt.

Mehr unter www.cornelia-moehring.de/istanbul-konvention

Christina Clemm: AktenEinsicht. Geschichten von Frauen und Gewalt. Verlag Antje Kunstmann, März 2020, 206 Seiten, 20 Euro

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