Freie im freien Fall

Freie Schauspielerinnen und Schauspieler leben auf dünnem Eis. Im Prinzip gilt das immer, aber mit Corona ganz besonders. Bettina Kenter-Götte wirft einen Blick hinter die Kulissen.

Wer zu Beginn der 1970er Jahre talentiert und fleißig war, hatte gut zu tun. Ich war blutjung. Ich wollte spielen. Ich brauchte keine Feiertage, keinen Urlaub, keine geregelten Arbeitszeiten, keine 40-Stunden-Woche. Ich spielte Theater in Italien und Deutschland, fest und frei, dazu im Fernsehen, damals gut bezahlt. Ich glaubte an Inhalte und an die Macht von Talent und Fleiß. Bis zur Geburt meiner Tochter. Ich war alleinerziehend, damit wie viele andere Mütter im damaligen Westen auf Sozialhilfe angewiesen. Es gab keine Krippen, in meinem Beruf hätten sie mir auch nichts genützt. Abends, zur Vorstellungszeit, sind die Kitas geschlossen.

Der Neustart nach der Babypause war nicht einfach. Mit 33 Jahren galten Schauspielerinnen – schon damals – als schwieriger vermittelbar. In den bunten Illustrierten liest das Publikum von Promi-Tagesgagen, rechnet diese auf das Jahr hoch und kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Für einige Vielbeschäftigte mag das stimmen. Für die meisten Freien vor der Kamera sicher nicht. Da sind zehn Drehtage pro Jahr bereits ein Glück. Durchschnittlich verdienen wir 1.400 Euro brutto monatlich. Gibt es keine Vorstellung, gibt es auch kein Geld.

Was machen wir zwischen den Auftritten?

Auf keinen Fall Urlaub. Wir recherchieren, versuchen neue Aufträge an Land zu ziehen, arbeiten an der eigenen Vermarktung. Webseiten werden aufgepeppt, neue Fotos, aktuelles Videomaterial kosten. Dazu kommen Gesangs-, Sprech-, Tanzunterricht, Reisen zu Castings, Drehs und Gastspielen. Daneben und dazwischen den Familienalltag organisieren. Für Frauen in diesem Beruf ist das eine tägliche Mammutaufgabe.

Vielleicht sind deshalb auch 60 Prozent der Schauspielerinnen kinderlos. Schon lange bevor die Corona-Krise uns ins Nichts stürzte, waren etliche Leistungen für die freie Szene gestrichen. Zuschüsse für Vorsprechreisen, Sozialleistungen und Versicherungen werden mittlerweile nur noch aus der eigenen Kasse bezahlt. Wiederholungshonorare wurden abgeschafft. Probengeld an Privattheatern? Fehlanzeige. Die Abendgagen dort sind niedrig, sie liegen zwischen 20 und 80 Euro brutto, es gibt drei bis maximal sechs Vorstellungen pro Woche.

Ein Anspruch auf Krankengeld besteht oft nicht. Immer öfter beteiligen sich Kolleginnen und Kollegen an sogenannten Null-Euro-Projekten, allein um im Geschäft zu bleiben. Anspruch auf Arbeitslosengeld I erwerben die wenigsten, weil die Beschäftigungstage dafür nicht ausreichen. Die Künstlersozialkasse nimmt längst nicht alle Kulturschaffenden auf. »Unständig« beschäftigte Schauspielerinnen und Schauspieler bleiben draußen.

Und jetzt auch noch der Shutdown

Tausende von Schauspielerinnen und Schauspielern stehen vor dem Nichts. Sie haben keine Möglichkeit, auch nur einen einzigen Cent zu verdienen. Nicht einmal mehr in Nebenjobs. Denn auch das Bettenmachen im Hotel, Workshops, privater Schauspielunterricht, Kellnern – alles ist weggefallen. Gnadenlos zeigt sich, was lange sorgsam versteckt geblieben war: Die meisten von uns haben wenig bis gar keine Rücklagen. Wir freien Mimen können ohne Hilfen keine sechs Wochen überstehen. Wovon die nächste Miete zahlen?

»Soforthilfe« – wie es sie in vielen Bundesländern gibt, kann nur eine kurze Zeit überbrücken. Den meisten Schauspielenden bleibt jedoch nur der Antrag auf Grundsicherung. Wann können wir wieder selbst unser Geld verdienen? Wie viele Theater, Filmproduktionen und Synchronstudios wird es nach Corona noch geben? Der Boden, auf dem wir Freien uns bewegen, war schon immer dünn. Jetzt ist er komplett eingebrochen. Eine kollektive Katastrophe.

Bettina Kenter-Götte ist Schauspielerin, Synchronsprecherin und Buchautorin, sie lebt unweit von München, mit ihrem Buch »Heart’s Fear – Geschichten von Armut und Ausgrenzung« war sie bis zur Corona-Pandemie auf szenischer Lesereise.

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