Feministische Baustellen in der Krise

Über geschlechtsspezifische Folgen und Risiken des neuen Zuhausebleibens. Von Doris Achelwilm

Wer eine sozial gerechte Krisenpolitik will, muss die Pandemie und die mit ihr verbundenen Maßnahmen geschlechtergerecht bewerten. Frauen sind in schlecht bezahlten Jobs aus vielen strukturellen Gründen deutlich in der Überzahl und von Lohneinschnitten besonders betroffen. Sie sind diejenigen, die im Durchschnitt mehr Familienarbeit schultern und deswegen verstärkt Entlastung und Mitsprache brauchen, was Kita-Versorgung oder Homeschooling anbetrifft. Aus Ländern mit frühen Lockdowns belegen Zahlen einen massiven Anstieg von Gewalt gegen Frauen zu Hause.

Diese Ungleichheiten sind umfassend belegt, doch die Krisenstäbe und Fachgremien sehen gleichstellungsfremder aus denn je. Der Wissenschaftsrat der Akademie Leopoldina mit seinen 24 Männern und zwei Frauen hat im Zuge seiner »Lockerungsstudie« deswegen ordentlich Feuer bekommen. Diese Frauen-zuletzt-Ignoranz ist kein Ausreißer, sondern symptomatisch.

Rechtsruck und patriarchale Schwerkräfte

Es geht nicht allein um Repräsentation, paritätische Quoten oder Antidiskriminierung, sondern tatsächlich ums Ganze. Unterm Brennglas der täglichen Corona-Politik verschärfen sich Schieflagen rasant, wie sie durch die passive Gleichstellungspolitik der Großen Koalition geduldet und reproduziert wurden. Die ökonomische Benachteiligung von Frauen war schon im »Normalkapitalismus« systemrelevant. Nun wird sie verstärkt durch das Primat des neuen Zuhausebleibens, das für den Infektionsschutz nötig, aber nicht ohne geschlechtsspezifische Folgen und Risiken ist.

Maßnahmen für Gerechtigkeit unter den Geschlechtern

Versäumte Fortschritte unter dem Rechtsruck und patriarchale Schwerkräfte sorgen dafür, dass sich innerhalb weniger Wochen das gleichstellungspolitische Rad spürbar zurückdreht. Grundsatzartikel und Organisationen sprechen zurecht von der »Krise der Frauen« (UN Women), von der aktuellen »Bühne des Patriarchats« (Carolin Wiedemann, Tagesspiegel). Dabei gab es ein feministisches Momentum, als breit festgestellt wurde, dass die für systemrelevant erklärten Berufe vorwiegend von Frauen ausgeübt und klar unterbezahlt werden.

Plötzlich tat sich ein Fenster für die überfällige Aufwertung von Pflege, Erziehung, Einzelhandel und Reinigungsdiensten auf. Doch genauso schnell hat es sich durch das Fortwirken beinharter Profitlogiken wieder geschlossen. Ein Stück steht es noch offen. Wir sollten entschieden die Möglichkeit nutzen, umzusteuern.

Es ist notwendig, krisenbedingte Maßnahmen wie das Kurzarbeitergeld so auszugestalten, dass keine Armutslöhne entstehen, vor allem für die, die bereits zu den Geringverdienenden gehören: überwiegend Frauen. Richtig ist auch, lohnsteuerliche Fehlanreize wie das Ehegattensplitting in Erinnerung zu rufen, mit dem honoriert wird, wenn es ein möglichst hohes »Haupteinkommen« und einen möglichst kleinen Zuverdienst auf der anderen Seite gibt.

Bei den Sofort- und Wirtschaftshilfen ist zu klären, ob sie Männer und Frauen gleichermaßen erreichen. Sie sollten dazu beitragen, Gerechtigkeitslücken zu schließen. Die Bekämpfung sogenannter häuslicher Gewalt käme in größeren Schritten voran, wenn die ökonomische Nachrangigkeit von Frauen gegenüber Männern aufhörte. Und apropos »zu Hause«: Alles Politische muss sich fragen, wie wir zu einer gerechten Verteilung von Fürsorgearbeit und Zeit kommen. Auch das zeigt sich akut.

Doris Achelwilm ist Sprecherin der Fraktion DIE LINKE für Gleichstellungs-, Queer- und Medienpolitik

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