Frankfurt/Oder – Eine Stadt der Kinder

Oberbürgermeister René Wilke will das Jahr 2020 zum Jahr der Kinder in seiner Stadt machen

Wenn René Wilke aus seinem Fenster schaut, liegt ihm die Stadt zu Füßen. Sein Büro selbst ist klein, die Aussicht jedoch – hoch oben aus dem achten Stock des Oderturms – ist einfach schön. Der Blick weitet sich von ganz allein. Dabei ist das in den Himmel ragende Bürogebäude mitten in der Stadt nur das momentane Ausweichquartier des Oberbürgermeisters und seines Teams. Denn das alte barocke Rathaus entpuppte sich als Sanierungsfall und kann deshalb bis auf Weiteres nicht genutzt werden.

Als René Wilke im Mai 2018 mit großer Mehrheit von den Frankfurterinnen und Frankfurtern an der Oder zum Stadtoberhaupt gewählt wurde, war er gerade einmal 34 Jahre alt und damit der jüngste OB im Land Brandenburg. Außerdem bundesweit der Einzige mit einem linken Parteibuch. Und schon damals hatte er die Kinder seiner Stadt im Blick.

René Wilke ist Brandenburgs jüngster Oberbürgermeister. Foto: Olaf Krostitz

Frankfurt/Oder ist schön, eine grüne Stadt, international dazu. Die Europauniversität Viadrina zieht Studierende von überall her an. Auch an Theater, Literatur, Bildender Kunst, Musik gibt es keinen Mangel, die Stadt kann sich mit dem berühmten Dichternamen Heinrich Kleist schmücken. Und doch hat Frankfurt/Oder auch reichlich Probleme. Die heißen: Haushaltsnotlage, 120 Millionen Euro Schulden, Abwanderung; ein gutes Drittel der Bevölkerung ist seit der Wende weggegangen, und zu viele Kinder leben in Familien mit wenig Einkommen.

Studien belegen, jedes dritte Kind in Frankfurt/Oder ist davon betroffen. Toll sind solche Fakten für das Image einer Stadt nicht, räumt René Wilke ein. Sie werden aber nicht besser, »wenn man sie ausklammert«. Und die Leute in der Stadt sehen und spüren die Probleme ja auch selbst. Was Wilke sich allerdings wünscht, ist eine Sensibilisierung und keine Stigmatisierung von Kindern und Familien, die im wahrsten Sinne des Wortes arm dran sind. Nicht allein finanziell, sondern vor allem, weil sie bei vielen Dingen »draußen« bleiben. Keine Teilhabe, das hat Folgen auch für das spätere Leben als Erwachsene. Daran will der Bürgermeister gern etwas »drehen«. Aber klar von Beginn an war auch, das Rathaus allein wird es nicht schaffen, neue und andere Perspektiven zu eröffnen. Aber vielleicht viele Akteure der Stadt gemeinsam?

Die Aktiven kamen zusammen. Genau vor einem Jahr. Frankfurt/Oder gründete einen Runden Tisch, eine Ideenschmiede von Frauen und Männern, die dicht an den Alltags- und sozialen Problemen der Kinder, Jugendlichen und Familien dran sind. Also Vertreterinnen und Vertreter aus Schulen, von Eltern, Schülern, Sozialverbänden, freien Trägern, Kultureinrichtungen, das Jugend- und Schulamt, die Jugendhilfe. Ihr Motto: Zukunftschancen und Bildung für Kinder – aktiv gegen Kinderarmut. Wie aber geht das in einer Kommune mit begrenzten Mitteln? In einer Stadt, die im Gegensatz zum Bund Leistungen nicht erhöhen kann, damit mehr Geld in die Haushaltskasse der Betroffenen fließt?

Die Besinnung auf den Runden Tisch

Die Beteiligten am Runden Tisch aber konnten mit einem anderen Pfund wuchern: mit ihrer Erfahrung und ihrem Wissen aus dem Alltag. Sie kennen die Barrieren, die sich durch Geldhaben und kein Geld haben auftun. Welche Hürden bringt finanzieller Mangel mit sich, und lassen die sich abbauen? Welche Freizeit- und Bildungsangebote gibt es überhaupt? Werden sie genutzt? Sind sie überhaupt bekannt? Wenn nein, warum nicht? Wo und warum funktioniert das eine, anderes aber nicht? In welchen Stadtteilen findet kaum etwas bis gar nichts statt?

Der Runde Tisch machte zunächst einmal eine Art Inventur. Die Daten und Fakten wurden öffentlich gemacht, auch Fehlentwicklungen benannt. Schon allein das, so René Wilke, veränderte die Sicht auf die Dinge und die Haltung dazu.

Das Beste muss dahin, wo es brennt

Jetzt geht es darum, praktikable Lösungen zu finden für das, was anders gemacht werden kann. Neue Zugänge, um alle Kinder mit Bildungs- und Teilhabeangeboten zu erreichen, egal aus welchen Haushalten sie kommen. Es gibt nicht ein Programm für alle, jede Einrichtung – so René Wilke – muss eigene Wege finden.

Die Bibliothek beispielsweise. Sie lädt nach wie vor ins eigene Bücherhaus ein, aber sie geht auch raus zu den Kindern, die nicht von allein ins öffentliche Leseland kommen. In der Museumspädagogik ist das ähnlich. Oder das Brandenburgische Staatsorchester Frankfurt/Oder. Mehrmals im Jahr lädt es Kinder aus allen Schichten ein. Da wird selbst musiziert und getanzt, die Palette reicht von Klassik bis zur Karateshow. Mit dem Ergebnis, dass die Kinder am Ende ihre Eltern mit in die Veranstaltungen nehmen. Eltern, die von sich aus nie in ein Konzert des Staatsorchesters gegangen wären.

Im Januar nächsten Jahres wird René Wilke einige Hundert Bürgerinnen und Bürger seiner Stadt zum Neujahrsempfang einladen. Den feierlichen Auftakt will er nutzen, um für Frankfurt an der Oder das »Jahr der Kinder« zu verkünden. Mit einer eigenen Kindercharta. Darin werden Verpflichtungen stehen, die alle öffentlichen Einrichtungen eingehen können, wenn ihnen Kinderfreundlichkeit am Herzen liegt.

Acht Punkte sollen es sein, knapp und einfach formuliert. Welche genau, das wollte der Bürgermeister trotz Bitte der Redaktion noch nicht preisgeben. Die öffentliche Premiere dafür wird Anfang Januar 2020 beim Neujahrsempfang der Stadt sein. Kinderfreundlichkeit als Aufgabe der gesamten Stadt für diejenigen, die sich professionell, sozial und kulturell darum kümmern, aber auch für diejenigen, die Unterstützung brauchen und haben möchten. Das wird die größte Herausforderung. Es geht um Menschen, die wissen, dass sie zu den Geringverdienern gehören, und jeden Cent dreimal umdrehen, bevor sie ihn einmal ausgeben können. Sie fühlen sich häufig schon ausgegrenzt, manchmal haben sie sich selbst isoliert. Und mit am Runden Tisch saßen die Betroffenen nicht. Dafür die Institutionen, Vereine und Projekte, die sie vertreten. Familien, die René Wilke erlebt, versuchen das Allermöglichste, damit nicht einmal die Kinder spüren, dass wenig Geld da ist. Sie sparen an sich selbst. Und sich als arm zu outen, kostet Überwindung, ist mit Schamgefühlen verbunden.

Die müssen wir mitnehmen, immer und überall, sagt der OB. Und obwohl Frankfurt/Oder unter Haushaltsvorbehalt steht, hat er eine Planstelle geschaffen. Eine Ansprechpartnerin für die Tausenden kleinen Dinge, die Kindern und Familien in schwierigen Lebenssituationen zustehen. Es gibt wahrscheinlich 20, 30 Förderprogramme und ähnlich viele Anträge für Kleidung, Schulranzen, Klassenfahrten und vieles mehr. Das Problem, dafür müssen auch 20, 30 verschiedene Anträge ausgefüllt werden. Diese Lotsin finden die Frankfurterinnen und Frankfurter nun gleich in Reichweite ihres Bürgermeisters. Eine Frau, die zuhört, Wege findet, Anträge mit ausfüllt, eine, deren Tür immer offen steht. Das Modell Frankfurt/Oder könnte Schule machen mit dem Vorhaben Zukunftschancen und Bildung für Kinder – aktiv gegen Kinderarmut.

Gisela Zimmer

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