Der Schnee von gestern ist die Sintflut von heute

Unter diesem Titel veröffentlichte Daniela Dahn in diesem Herbst ihr neues Buch. Es ist kein DDR-Buch, jedoch eins, das nachfragt, was die vergangenen 30 Jahre mit unserem Gemeinwesen gemacht haben. clara veröffentlicht einen Auszug.

Die Einheit war eine feindliche Übernahme auf Wunsch der Übernommenen. Für die Sieger war das schönste an der friedlichen Revolution, dass sie nichts revolutionierte. Das Neue bestand darin, den alten Spielregeln beizutreten. Kaufen und sich kaufen lassen. Dieser Mechanismus funktioniert zuverlässig und gibt keinen Anlass zur Klage. Wer Geld in die Hand bekommt, kann sich nach freier Wahl Wünsche erfüllen, je mehr Geld, je schöner die Erfüllung.

Dieses Versprechen ist eingehalten worden. Es hat den meisten Ostdeutschen bis dahin unerreichbaren, wenn auch oft überschaubaren Wohlstand und Bewegungsraum ermöglicht. Man lässt sie allerdings spüren, dass es ein subventionierter Wohlstand ist, kein selbst erarbeiteter. Wie auch, wenn 95 Prozent des volkseigenen Wirtschaftsvermögens in westliche Hände übergingen.

Damit war über den Grad der Abhängigkeit der Neubundesbürger entschieden. Denn nur Eigentum gewährleistet persönliche Sicherheit und geistige Unabhängigkeit – das aus dem antiken Rom stammende Fundament westlicher Funktionslogik erwies sich als immer noch stabil. Auf diese Steine konnten sie nicht bauen. Die Einheit hatte lange gefälligst als Erfolgsgeschichte zu gelten. Nicht nur in den Großmedien, wohl auch bei der Mehrheit der Menschen in Ost und West und Nord und Süd.

Doch die angeblich »nachholende Modernisierung« galt der Kopie eines Systems, das damals längst veraltet war. Und heute von allen Seiten erodiert. Diejenigen, die sich in der historischen Situation nach Öffnung der Mauer einen fortschrittlichen Schub für das ganze Land erhofften, hatten von Anfang an eine kritischere Sicht. Denn es war abzusehen, wohin das Veruneinheitlichen führen würde: Ein Prozent hyperreiche Haushalte verfügen über ein Drittel des volkswirtschaftlichen Gesamtvermögens.

Die Quittung für soziale Kälte und politisches Versagen ist die AfD. Heute lebt das Prekariat landesweit, von der Bildung der öffentlichen Meinung ist es ausgeschlossen. Auch deshalb konnte die Einheit lange als Erfolgsgeschichte verkauft werden. Inzwischen ist das Bild gekippt. Solange der Protest von links kam, konnte man ihn »gar nicht ignorieren«, wie die Devise war, also vernachlässigen.

Was jetzt von rechts kommt, ist nicht nur Protest. Es ist der Versuch, die Macht zu übernehmen. Die Geschichte umzudeuten. Vor Ort Pflöcke zu setzen. Kulturelle Vielfalt zu begrenzen. Das gelingt in den leer gefegten Landstrichen schon beunruhigend. Die Beweglicheren, die Kreativeren sind gegangen. Die Bevölkerungszahl in Ostdeutschland entspricht heute der von 1905. Vorindustriell. Das ist ein Menetekel. […]

Schon früh wurde mir klar: Das Grundmissverständnis zwischen West und Ost bestand darin, dass die eine Seite dachte, sie gibt ihr Letztes, während die andere meinte, man nähme ihr das Letzte. Wer in Wahrheit gegeben und genommen hatte, sollte sich bald zeigen: Die Zahl der bundesdeutschen Millionäre verdoppelte sich auf über eine Million, während im Osten mit der ersehnten D-Mark die Zahl der Arbeitslosen von null auf vier Millionen stieg.

Die Konstrukteure des wirtschaftlichen Desasters haben es laut Experten fertiggebracht, dem Staat, also den Bürgern, für die Kosten dieser Einheit zwei Billionen Euro in Rechnung zu stellen. So viel Geld hatte niemand. Ein Großteil der Ausgaben wurde über Kredite finanziert, die noch längst nicht abgezahlt sind. Sie sind in die Staatsschuld von derzeit ebenfalls gut zwei Billionen Euro eingegangen, hängen also kommenden Generationen als unerwünschte Mitgift am Hals.

Daniela Dahn: Der Schnee von gestern ist die Sintflut von heute. Die Einheit – eine Abrechnung. Rowohlt Taschenbuch Verlag, September 2019, 288 Seiten, 14 Euro

Zurück zur Übersicht