Befreiung von Auschwitz

Erinnerung braucht antifaschistischen Konsens. Von Brigitte Freihold

Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee das deutsche Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Das staatliche Museum Auschwitz-Birkenau plant zum 75. Jahrestag der Befreiung, die letzten Überlebenden zu den Feierlichkeiten einzuladen. Viele Häftlingskomitees haben in den vergangenen Jahren einen Generationenwechsel eingeleitet und die Nachkommen der zweiten und dritten Generation mit der Bewahrung der Erinnerung beauftragt.

Die Erfahrungen der Nachkommen sind oft geprägt von Traumata und dem Wissen um die schmerzhaften Bemühungen ihrer Eltern nach dem Krieg um Anerkennung und Entschädigung. Dies gilt besonders für Sinti und Roma, deren Menschenrechts- und Antidiskriminierungsarbeit einen wesentlichen Beitrag in der europäischen Bürgerrechtsbewegung darstellt.

Am diesjährigen Europäischen Holocaust-Gedenktag für Sinti und Roma, dem Jahrestag der gewaltsamen Auflösung des sogenannten Zigeunerlagers am 2. August 1944, hielt der US-amerikanische Bürgerrechtsaktivist Jesse Jackson eine bewegende Rede: »Die Angehörigen der Sinti und Roma in Europa sahen sich derselben Not gegenüber wie die Afroamerikaner – Opfer von Völkermord und Gewalt, Entmündigung, Ausgrenzung und Marginalisierung.«

In einem gemeinsamen Appell riefen Jesse Jackson und die Vertreter der Sinti und Roma aus Polen, Roman Kwiatkowski, und Romani Rose aus Deutschland dazu auf, eine interparlamentarische Koalition gegen Antiziganismus einzurichten, um den Ursachen von Flucht und Ausgrenzung entgegenzutreten sowie die tatsächliche Anerkennung von Minderheitenrechten durchzusetzen.

Angesichts der gegenwärtigen Herausforderungen und der Angriffe auf Demokratie und Minderheiten in Europa bildet die Bewahrung der Erinnerung an die Schoah und an den Völkermord an Sinti und Roma einen wichtigen Bezugspunkt für die Bürgerrechtsarbeit. Der Aufstand der Sinti und Roma im deutschen Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau vom 16. Mai 1944 sowie die Erhebung der jüdischen Häftlinge des Sonderkommandos am 7. Oktober 1944 waren über viele Jahrzehnte vergessen.

Gleiches gilt für die Aufstände vom 2. August 1943 in Treblinka sowie am 14. Oktober 1943 in Sobibor. Sie sind herausragende Beispiele des einsamen Widerstandes von Juden und Jüdinnen sowie Sinti und Roma gegen die nationalsozialistische Vernichtungspolitik. Die Geschichte dieser Erhebungen findet jedoch noch immer kaum Berücksichtigung. Dabei bieten sie als Ausdruck der Bemühungen um die Rückgewinnung der universellen Menschenwürde diverser Häftlingsgesellschaften zahlreiche Anknüpfungspunkte für Bildungsarbeit mit Bezug zur Gegenwart.

Raymond Gurême, französischer Manouche und WiderstandskämpferJaroslaw Prszkiewicz

Raymond Gurême, französischer Manouche und Widerstandskämpfer

Dass unsere »Erinnerungskultur bröckelt«, wie Außenminister Heiko Maas Anfang des Jahres feststellte, liegt auch daran, dass es noch immer keinen antifaschistischen Konsens in der Erinnerungspolitik gibt. Viele Verfolgte wurden über Jahre nicht als handelnde Subjekte in ihrem Widerstand gegen den Nationalsozialismus anerkannt, sie wurden als Objekte von Willkürmaßnahmen beschrieben. Doch im Zuge der Bemühungen um Entschädigung und Anerkennung gelangen die unterschiedlichen Perspektiven stärker zum Durchbruch.

Den Nachkommen kommt die Aufgabe zu, sich weiter um Gleichberechtigung zu bemühen. Um an die diversen Formen des Widerstands zu erinnern, brauchen wir eine europäische Perspektive. Geschichte zu verstehen, heißt alle mit einzuschließen.

Brigitte Freihold ist erinnerungspolitische Expertin der Fraktion DIE LINKE. im Deutschen Bundestag

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